Philosophem/Veröffentlichungen/Fraglich
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Fraglich bleibt das Unerkannte Selbstinterview als Vorwort Frage: Bei den vorliegenden fiktiven Interviews mit Philosophen stellst du eingangs häufig Fragen über das Leben deiner Gesprächspartner und erörterst anschließend mit ihnen ein inhaltliches Thema. Ich möchte es ebenso halten und dich um eine kurze Selbstvorstellung bitten. Antwort: Geboren 1959 in Flörsheim am Main, studierte ich auf dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Philosophie, Geschichte und Deutsche Volkskunde in Mainz. Seit Februar 2000 unterrichte ich an einem Gymnasium in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Frage: Auch Philosophie, nehme ich an ... Antwort: Ja, in erster Linie schrieb ich die Interviews für den Philosophie-Unterricht, setze einige davon aber auch in Geschichte oder Deutsch ein. Beim Schreiben erwachte mein privates Interesse an dieser Arbeit, die sich zu einem kleinen selbstauferlegten Philosophiekurs entwickelte. Frage: Die Themenpalette ist bunt: Ethik, Ästhetik, Geschichtsphilosophie usw. Antwort: Bei jedem Philosophen musste ich ein Thema finden, das mich ansprach. Das war bei Aristoteles die Staatstheorie, bei Kant ein Beispiel, das er selbst im Zusammenhang mit seiner Pflichtethik gibt, oder bei Popper ein Vortrag, den er 1961 im Bayerischen Rundfunk hielt. Frage: Wie stehst du zu den Anachronismen, die hin und wieder vorkommen? Antwort: Mein Augenmerk lag darauf, Einblicke in Gedanken der Tradition zu geben. Bei Anachronismen war die Gefahr zu vermeiden, einem Philosophen meine eigenen Gedanken >unterzuschieben<. In unverfänglichem Kontext schienen sie mir bisweilen reizvoll zu sein. Frage: Die Antworten der Denker bestehen aus Zitaten ihrer Werke. Wie bist du dabei vorgegangen? Kannst du es vielleicht an einem oder zwei Beispielen erläutern? Antwort: Nehmen wir Epiktet! Ich las sein „Handbüchlein der Moral“ und markierte alle für mich interessanten Stellen. Das Interview selbst >kristallisiert< auf knappem Raum die markierten Stellen zu einem hoffentlich gelungenen Ganzen. Frage: Diese >arrangierende Herausgabe< originaler Textstellen ist jedoch nicht die einzige Arbeitsweise? Antwort: Nein, neben den schon erwähnten Biografien der Philosophen spielt auch die Rezeption ihrer Werke eine Rolle. Frage: Um noch einmal deine Zitierweise anzusprechen; damit gehst du freizügig um. Antwort: Den Zweck der Interviews habe ich geschildert; als wissenschaftliche Arbeit sollen sie nicht gelten. Deshalb habe ich mich auch nicht gescheut, Zitate dem heutigen Leseverständnis anzugleichen. Auslassungszeichen fehlen. Die Rechtschreibung erfolgt nach den neuen Regeln. Frage: Hinter dem fett gedruckten Wort „Frage“ stehen immer wieder auch Aussagesätze. Antwort: Ja - auch hier schon in diesem Gespräch. Frage: Alle Interviews – einschließlich dieses Selbstinterviews - sind gleich lang. Hat das einen besonderen Grund? Antwort: Jetzt bringst du mich in Verlegenheit. Ich kann dazu nur sagen, dass ich, wie bei einer strengen Gedichtform, Gefallen an der gleichen Länge aller Interviews fand. Frage: Schopenhauer gibst du als einzigem zweimal die Ehre. Antwort: Einmal spricht er über die Liebe, das andere Mal über den Tod – zwei Themen, die eine Ausnahme zulassen. Frage: Was noch das Duzen der Denker anbelangt ... Antwort: ... denke ich, dass die Geister der toten Philosophen sicher nichts dagegen einzuwenden haben, und wenn doch, mögen sie es ihrem geringen Schüler verzeihen. * Blaise Pascal ( 1623 – 1662 ) Frage: Deine wissenschaftlichen Entdeckungen im Bereich der Euklidischen Geometrie, der Wahrscheinlichkeits- und Infinitesimalrechnung weisen dich als mathematisches Genie aus. Zudem hast du die erste brauchbare Rechenmaschine konstruiert und einen Plan für einen Omnibusverkehr durch Paris ausgearbeitet. Aber dann kam dir, salopp formuliert, die Philosophie in die Quere. – Warum? Pascal: Weil die Überzeugung in mir wuchs, dass die Frage nach dem Menschen das wahre Studium darstellt. Fortan lautete meine Devise: Man muss sich selbst erkennen. Und ich sagte mir, dass es eine übernatürliche Verblendung sei, zu leben, ohne danach zu suchen, was man ist. Frage: Was erfuhrst du in deinem philosophischen Nachdenken über den Menschen? Pascal: Dass er in eine unendliche Welt eingebettet ist, vor der sein Denken kapitulieren muss. Die Natur in ihrer unendlichen Ausdehnung ist ebenso unerfassbar wie in ihren kleinsten Lebewesen – nimm zum Beispiel die Milbe ... Frage: Die Milbe? Pascal: Ja; auch sie besitzt noch Teile, die wiederum aus Teilen bestehen und so weiter – du würdest auch hier ins Unendliche geraten oder zum Nichts. Immer kann sich dein Gedanke in diesen Wundern nur verlieren. Frage: Läuft das nicht auf eine völlige Orientierungslosigkeit hinaus? Pascal: Zunächst sieht es so aus, denn wir erfassen nie das wahre Wesen der Dinge und leben in einer ewigen Verzweiflung darüber, weder ihren Ursprung noch ihr Ziel zu kennen. Alles entflieht in einer ewigen Flucht, alles verbirgt sich in einem undurchdringlichen Geheimnis. Frage: Wie geht der Mensch damit um? Denkt er überhaupt im Alltag daran? Pascal: Er versucht es zu vermeiden, indem er nach der Arbeit zur Hasenjagd geht, zum Ballspiel oder Tanz. In den meisten Fällen ist ihm an einem Hasen nicht viel gelegen, auch nicht an dem Gewinn im Spiel. Aber er sucht diese Zerstreuungen um der Zerstreuung willen. Frage: Flieht er auch vor sich selbst? Pascal: Ja, er flieht vor der Ruhe seines Zimmers, in dem sich ihm sein Nichts, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht und seine Leere offenbaren könnten. Frage: Gibt es für dich nirgendwo einen Lichtfleck in diesem Meer der Dunkelheit? Pascal: Die ganze Würde des Menschen liegt im Denken. Mit seiner Hilfe erkennt er, was er für ein Paradox für sich selbst ist: Ein Subjekt des Widerspruchs, Richter aller Dinge und einfältiger Wurm, Verwalter des Wahren und Kloake der Ungewissheit, Glanz und Auswurf des Alls. Frage: Was hilft es dem Menschen zu denken, wenn er dadurch nur in eine heillose Verwirrung, ja Verzweiflung gerät? Pascal: Durch das Denken erreicht er einen Punkt, an dem er erkennt, dass er in sich selbst weder die Wahrheit noch das Heil finden wird – die Philosophen haben es zwar versprochen, aber nicht vollbringen können. Frage: Nun sind wir bei deiner zweiten Bekehrung angelangt. Kannst du dazu abschließend etwas sagen? Pascal: In der Nacht des 23. November 1654 hatte ich ein tiefes religiöses Erlebnis, das mich in den Dienst am Glauben eintreten ließ. In den Dienst des Gottes Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Gelehrten und der Philosophen. Frage: Gelang es dir nun endlich, deine Orientierungslosigkeit zu überwinden? Pascal: Ja, denn ich begriff, dass die notwendige Selbstaufgabe des Denkens zum Glauben führt. Der Glaube gründet nicht in der Vernunft, sondern im Herzen. Frage: Und im Herzen fandest du die lange vergeblich gesuchte Gewissheit? Pascal: Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt. Wem Gott den Glauben durch ein Empfinden des Herzens gegeben hat, ist glücklich und völlig rechtmäßig überzeugt. * Immanuel Kant ( 1724 - 1804 ) Frage: Karl Jaspers zählte dich neben Platon und Augustinus zu den grundlegenden Denkern des Abendlandes. Auf allen wichtigen Gebieten der Philosophie lieferten deine Bücher wegweisende Erkenntnisse. Im Bereich der Ethik bist du der Erfinder des Kategorischen Imperativs, der zum Kernsatz einer an der Pflicht orientierten Handlungsweise wurde. Kannst du uns an einem Beispiel erläutern, was darunter zu verstehen ist? Kant: Stell dir vor, jemand hält ein anvertrautes fremdes Vermögen in Händen, dessen Eigentümer tot ist. Die Erben wissen nichts davon und können nie etwas davon erfahren. Der Inhaber des Vermögens ist ohne eigenes Verschulden mit seiner Familie aus Frau und Kindern in Not geraten. Stell dir noch weiter vor, dass dieser Jemand ein gutherziger Mensch ist, die Erben dagegen Verschwender, die so reich sind, dass ihnen der Zusatz zu ihrem Vermögen gar nicht mehr auffallen würde. Frage: Das habe ich verstanden. Kant: Und nun frage dich, ob es unter den geschilderten Umständen erlaubt ist, dass unser in Not geratene Menschenfreund das Vermögen behalten darf. Frage: Hm, diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Kant: Warum? Frage: Angenommen, der Inhaber verwendet das Vermögen für sich und seine Familie, so rettet er sie damit augenblicklich aus der Not und kann sich vielleicht noch in einen Zustand versetzen, der die Not in Zukunft ausschließt ... also er könnte sich ein Geschäft kaufen und damit für den Rest seiner Tage gutes Geld verdienen. Dann wäre, finde ich, das Vermögen wesentlich besser genutzt, als wenn es den Verschwendern in die Hände fiele, die sich vielleicht einen Spaß damit machen, es an einem Abend auf den Kopf zu hauen. ( Kant mit zweifelnder Miene ) Frage ( mit Eifer ): Die Folgen einer Handlung müssen berücksichtigt werden, wenn man ein moralisches Urteil über sie fällen will, und da sage ich ganz klar, dass der Inhaber des Vermögens geradezu verpflichtet ist, es für sich und seine Familie zu benutzen! ( Kant wieder mit zweifelnder Miene ) Frage ( mit größerem Eifer ): Wenn die Erben nie etwas von dem entgangenen Vermögen erfahren, fühlen sie sich auch nicht geschädigt. Die Familie unseres Menschenfreundes aber wird wieder glücklich – ist das etwa nichts? Kant: Aus deiner Argumentation höre ich die Wörter "Folgen", "Nutzen" oder "Glück" heraus - nichts davon spielt eine Rolle bei der Bewertung einer Handlung, die immer nur in sich gut oder schlecht sein kann! Frage: Was meinst du denn mit diesem „in sich“? Kant: Ein feststehendes oberstes Moralprinzip - den kategorischen Imperativ, der bekanntlich lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Frage: Auf den Fall des in Not geratenen Menschenfreundes bezogen ...? Kant: ... heißt das, dass er nicht von seiner derzeitigen individuellen Lage aus entscheiden kann, was mit dem Vermögen geschieht, sondern davon unabhängig allein der Stimme des Rechts Geltung verschaffen muss. Frage: Auch gegen seine eigenen Interessen? Kant: Das sind vordergründige Interessen, in Wahrheit tut er sich selbst einen Gefallen damit, wenn er das Vermögen den Erben aushändigt. Frage: Warum? Kant: Wenn es keine verlässliche Grundlage des Rechtes gibt, sondern jeder den anderen betrügt und hintergeht, zerstören wir damit jegliches Vertrauen und jede Sicherheit im gegenseitigen Umgang. Das kann niemand wollen, auch nicht unser Menschenfreund, denn schon bei nächster Gelegenheit kann er selbst wieder der Geschädigte sein. * Arthur Schopenhauer ( 1788 – 1860 ) Frage: Im 41. Kapitel deines Hauptwerkes bezeichnest du den Tod als „eigentlichen inspirierenden Genius“ der Philosophie und schreibst, dass ohne ihn schwerlich philosophiert würde. Schopenhauer: Ja, deshalb fand ich es ganz in der Ordnung, eine spezielle Betrachtung desselben an die Spitze des letzten, ernstesten und wichtigsten Teiles meines Hauptwerkes zu setzen. Frage: Gleich zu Anfang kritisierst du die christliche Religion und bezeichnest sie als nicht geeignet, den Menschen über die „erschreckende Gewissheit des Todes“ zu trösten. Schopenhauer: Ich betrachte es in der Tat für eine bedenkliche Sache, dem Menschen in dieser wichtigen Hinsicht schwache und unhaltbare Begriffe durch frühes Einprägen aufzuzwingen und ihn dadurch zur Aufnahme der richtigeren und standhaltenden auf immer unfähig zu machen. Frage: Welche „schwachen und unhaltbaren Begriffe“ meinst du? Schopenhauer: Zum Beispiel ihn lehren, dass er erst kürzlich aus Nichts geworden sei, folglich eine Ewigkeit hindurch Nichts gewesen sei und trotzdem für die Zukunft unvergänglich sein solle. Dadurch schwankt der Mensch hin und her zwischen der Auffassung des Todes als absoluter Vernichtung und der Annahme, dass wir gleichsam mit Haut und Haar unsterblich seien. Frage: Plädierst du zwischen diesen beiden Extremen für eine mittlere Ansicht? Schopenhauer: Nein, ich halte zwar beide Auffassungen für falsch, doch kommt es mir nicht darauf an, eine richtige Mitte zu treffen, als vielmehr einen höheren Gesichtspunkt zu gewinnen, von welchem aus solche Ansichten von selbst wegfallen. Frage: Nähern wir uns also diesem „höheren Gesichtspunkt“! Wie gehst du dabei vor? Schopenhauer: Zunächst untersuche ich die Quelle der Todesangst – sie muss von aller Erkenntnis unabhängig sein: denn das Tier hat sie, obwohl es den Tod nicht kennt. Warum flieht es bei Gefahr, zittert und sucht sich zu verbergen? Weil es lauter Wille zum Leben ist, als solcher aber dem Tode verfallen ist und Zeit gewinnen möchte. Eben so ist, von Natur, der Mensch. Das größte Übel, das er kennt, und das Schlimmste, was ihm überall gedroht werden kann, ist der Tod, seine größte Angst Todesangst. Frage: Was geschieht, wenn der Tod nicht mehr vom „Willen zum Leben“, sondern von der Erkenntnis betrachtet wird? Schopenhauer: Vom Standpunkt der Erkenntnis löst sich die Todesangst sogleich auf, denn abgesehen davon, dass es um den objektiven Wert des Lebens eher misslich bestellt ist, muss es sowieso bald enden, so dass die wenigen Jahre, die man vielleicht noch da zu sein hat, gänzlich verschwinden vor der endlosen Zeit, da man nicht mehr sein wird. Außerdem ist es unumstößlich gewiss, dass das Nichtsein nach dem Tod nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt – folglich auch nicht beklagenswerter. Frage: Wie lauten deine „richtigeren und standhaltenden“ Begriffe im Unterschied zur christlichen Lehre? Schopenhauer: Statt zu den Menschen zu sagen: „Ihr seid durch die Geburt entstanden, aber unsterblich“, sollte man ihnen sagen: „Ihr seid nicht Nichts“ oder anders ausgedrückt: Quod enim est, erit semper. ( Denn was ist, wird immer sein. ) Frage: Bitte erläutere zum Schluss noch diesen Ausspruch! Schopenhauer: Ein Dasein deines Selbst, nach der Zerstörung deines Leibes, mag dir unbegreiflich erscheinen: aber kann es dir unbegreiflicher sein, als dir dein jetziges Dasein ist, und wie du dazu gelangtest? Hast du die kostbare Gegenwart, nach der ihr Kinder der Zeit alle so gierig trachtet, nicht jetzt und hier inne? Warum solltest du zweifeln, dass die geheimen Wege, die dir zu dieser Gegenwart offen standen, dir nicht auch zu jeder künftigen offen stehen werden? * Der Titel „Fraglich bleibt das Unerkannte“ stammt aus einem Gedicht des Philosophen Richard Wisser, vgl. ders.: Halt ohne Anhalt. Gedichte, die zu denken geben. Ausgewählt und herausgegeben von Johannes Chwalek. Stolzalpe 2004, S. 104. Mainz, September 2007 J. Ch.
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