Der erste Rektor Ankunft, I Frage: Von 1970 bis ´76 warst du Schüler des Bischöflichen Konviktes in B. ... Antwort: Ja. Frage: Warum ... ich meine: Wie wird man zum Internatsschüler? Ich hätte mir das in meinem Fall gar nicht denken können. Antwort: Meine Stiefmutter störte vor allem eins an mir: dass ich auf der Welt war. Und meinen Vater störte es, dass er wegen mir in Auseinandersetzungen mit seiner Frau geriet. Da war es am besten, das Kind wegzukriegen, wenigstens die meiste Zeit des Jahres. Frage: Also eine richtige Märchen-Stiefmutter hattest du? Antwort: Ja, nur leider in der Wirklichkeit ... Frage: Was ist mit deiner richtigen Mutter? Antwort: Sie starb kurze Zeit nach meiner Geburt an Krebs. Frage: Bist du ihr einziges Kind gewesen? Antwort: Nein, ich war ihr fünftes. Frage: Fünf Kinder wart ihr, und dann starb deine Mutter?! Keine einfache Situation ... Antwort: Nein, keine einfache Situation ... Das kann man sich leicht ausmalen. Frage: Bei unseren kleinen Interviews würde ich gerne chronologisch vorgehen; sicherlich wirst du dann auch berichten können, wie es dir als Kind mit der Stiefmutter ergangen ist ... Antwort: Natürlich. Frage: Kommen wir jetzt, wenn du nichts dagegen hast, gleich zum Ankunftstag im Internat. Wie muss man sich das im Allgemeinen und in deinem besonderen Fall vorstellen? Antwort: An einem Sonntagnachmittag im August oder September 1970 stieg ich in Begleitung meiner beiden jüngeren Halbgeschwister, der Stiefmutter und dem Vater, der am Steuer saß, ins Auto und fuhr die ungefähr halbstündige Strecke von F. nach B. Frage: Die Halbgeschwister ... - Jungs oder Mädchen? Antwort: Ein Mädchen namens Kordula und ein Junge namens Christoph. Frage: Die Kinder deiner Stiefmutter? Antwort: Ja. Frage: Was habt ihr während der Fahrt gesprochen? Antwort: Ich erinnere mich nicht mehr daran. Frage: Ging es nicht darum, dass du sozusagen weggeschickt wurdest? Antwort: Wenn es möglich gewesen wäre, das anzusprechen, hätte es vielleicht gar nicht stattfinden müssen. Frage: Aber an deine Gefühle während der Autofahrt erinnerst du dich noch, oder? Antwort: Ich war mit Sicherheit froh, eine alles andere als rosige Zeit im Elternhaus hinter mir zu lassen und konnte es doch nicht richtig fassen, dass sich das Blatt für mich noch einmal zum Besseren wenden sollte. Frage: Wie alt warst du 1970? Antwort: Elf. Frage: Und warst schon so pessimistisch ... – Woher wusstest du denn, dass es im Internat besser würde? Kanntest du das Haus schon? Antwort: Nur von einem Besuch, als mich mein Vater angemeldet und vorgestellt hatte. Aber mein Instinkt sagte mir, dass es überall besser sein müsste als bei der Stiefmutter, der ich nun einmal im Leben nichts recht machen konnte. Frage: Nach einer halben Stunde seid ihr im Internat angekommen, sagst du, darüber wollen wir jetzt sprechen ... – Aber noch eins: Das Internat gibt es nicht mehr ... Antwort: Nein, Anfang der achtziger Jahre wurde es wegen finanzieller Schwierigkeiten geschlossen. Die Stadt kaufte das historische Gebäude und eröffnete es nach zweijährigen Umbauarbeiten als neues Rathaus. * Silentium Frage: Als Fünftklässler musstest du wahrscheinlich früh schlafen gehen ... Antwort: Gleich nach dem Abendgebet in der Kapelle, das gegen zwanzig Uhr stattfand; genau weiß ich es nicht mehr ... Sobald wir die Kapelle verließen, galt „Silentium“, also ein Schweigegebot; niemand durfte mehr ein Wort sprechen beim Gang durchs Treppenhaus, beim Auskleiden und Waschen, beim Liegen im Bett und Warten auf den Schlaf. Frage: Und wer es doch tat? Antwort: Durfte nicht erwischt werden, ansonsten hatte er sich im ungünstigsten Fall am nächsten Tag nach dem Mittagessen im Büro des Rektors einzufinden, wo er nach einer Strafpredigt zu Hilfsarbeiten beim Hausmeister verdonnert wurde; eine oder zwei Wochen lang; je nachdem ... Frage: Fiel es dir leicht, das Silentium einzuhalten? Antwort: Überhaupt nicht. Ich lag neben dem Quintaner Karlheinz Graf ... Frage: Entschuldige, wenn ich dich unterbreche, aber diese veralteten Klassenbezeichnungen sind nicht mehr geläufig ... Antwort: Ich würde trotzdem nicht gerne darauf verzichten, weil sie damals allgegenwärtig waren und mir die Atmosphäre jener Jahre näher bringen. Die Klassen Fünf bis Dreizehn nannten wir Sexta, Quinta, Quarta, Untertertia, Obertertia, Untersekunda, Obersekunda, Unterprima, Oberprima. Frage: Gut; wie du meinst! Antwort: Also der Quintaner Karlheinz Graf sollte auf mich, den Sextaner, einen positiven Einfluss ausüben, aber er tat das Gegenteil und schwatzte mit mir, was das Zeug hielt. Ich erinnere mich noch besonders des ersten Abends, an dem er mir in der etwas herablassenden Art des Älteren gegenüber dem Jüngeren die vier Erzieher charakterisierte. Frage: Das ist gar nicht schlecht, dann kriege ich sie auch einmal vorgestellt! Antwort: Es gebe zwei „ganz gute“ und zwei „ziemlich strenge“, meinte Graf. Ziemlich streng sei der Rektor, wenn der morgens wecke und finde einen kurz danach noch im Bett liegen, ziehe er einen am Ohr aus den Federn, und wenn dabei auch das Ohrläppchen einreiße und blute! Überhaupt sei der Rektor der strengste von allen, das werde ich schon noch merken ... Aber auch der Iblon sei nicht ohne. Frage: Iblon? Antwort: Gemeint war Heiner Iblon, der Leiter der Tertianer-Gruppe. – Früher sei er selbst Konviktler gewesen, aber Verständnis habe er deshalb keines für die Schüler behalten. „Praktisch“ sei er derjenige, der im Silentium die meisten Leute „verknacke“. Nur die älteren Schüler hätten keinen Respekt vor ihm, und einer hätte ihn sogar schon einmal in den Fischteich geworfen! Frage: Bleiben noch die beiden „ganz guten“ Erzieher. Antwort: Als diese stellte mir Graf unsere Gruppenleiterin Frau Heckl und Präfekt Thenu vor, den Leiter der Sekundaner ... Frage: Präfekt? Antwort: Ja, er wurde mit „Herr Präfekt“ angesprochen. Was der Titel bedeutete, wusste ich nicht und fragte auch nicht danach. Frage: Worauf bezog sich die positive Beurteilung dieser beiden Erzieher durch deinen Bettnachbarn? Antwort: Darauf dass man als Schüler während des Silentiums – „und auch sonst“ – selten zum Strafdienst verurteilt wurde. Frage: Den Strafdienst lernten du und Karlheinz Graf kennen? Antwort: Ausgiebig! Zuletzt wurde ich verlegt und war der neue Bettnachbar meines – schweigsamen - Klassenkameraden Josef Pischelsteiner. Von diesem Platz aus konnte ich durch das Schlafsaalfenster auf das hochgelegene Kapellenberghäuschen sehen, ein noch heute bestehendes säulengeschmücktes Ausflugs- und Wanderziel, dessen Giebeldach nachts erleuchtet war. Das nächtliche Schauspiel bezauberte mich und weckte wie von selbst meine Bereitschaft auf – Silentium. * Der Präfekt, I Frage: Ausgerechnet der Erzieher, der dir zunächst am unnahbarsten erschienen war, freundete sich mit dir an? Antwort: Ja, wenn auch natürlich nicht gleich ... Später hat er mir gesagt, dass er von seinen Erzieherkollegen eher negative Äußerungen über mich gehört hatte. Frage: Aha ... – Hat er ihnen geglaubt? Antwort: Vielleicht. Aber dann führte er die Spätaufsicht, als mich meine beiden älteren Brüder Reinhold und Harry von der Beerdigung des Großvaters zurückbrachten. Ihr Auftreten und ihr Umgang mit mir gefiel ihm. Dem Urteil der Kollegen über mich wollte er sich nun nicht mehr ohne weiteres anschließen. Frage: Bis zur – sicherlich eher ungewöhnlichen – Freundschaft zwischen euch hatte es aber noch Zeit. Wie soll ich mir die Entwicklung vorstellen? Antwort: Im ersten Jahr unter Gerten ist mir nichts Weiteres mehr in Erinnerung; ich müsste also auch von den späteren Jahren sprechen ... Frage: Bitte! Antwort: Im Rahmen der Hausordnung konnte er nur abends mit mir in Kontakt kommen, wenn er die Aufsicht führte; tagsüber nur zufällig und >zwischendurch<. Aber abends ergaben sich Gelegenheiten für Gespräche; die Aufhebung des Silentiums unter Gertens Nachfolger kam auch dem Erzieher zustatten. Frage: Aufhebung des Silentiums? Gertens Nachfolger? Antwort: Wir werden darüber bald reden. Nach meinem ersten Jahr beendete Gerten seine Tätigkeit als Internatsleiter und betreute fortan als Pfarrer eine Gemeinde. Die Wirtschafterin des Internats folgte ihm als seine Hausangestellte. Auch Heiner Iblon verließ mit Ablauf des Schuljahrs das Konvikt. Frage: Zurück zum Präfekten! Worüber unterhieltet ihr euch, wenn er bei seiner Abendaufsicht zu dir kam? Antwort: Die Sympathie geht mit Interesse einher; die Themen für Gespräche ergeben sich dann von selbst. Ich muss aber sagen, dass er es war, der das Wort führte; ich war der Zuhörende, hin und wieder eine Bemerkung Einflechtende. Frage: Warst du nicht überfordert von diesen >Ansprachen< des wesentlich älteren Erziehers? Antwort: Nein, überhaupt nicht. Er war 52 Jahre älter als ich, teilte aber – zum Unverständnis seiner Erzieherkollegen – die Vorliebe der meisten Schüler für aktuelle Rockmusik ... Diese Überschneidung unserer Interessen war geeignet, eine gegenseitige Vertrauensbasis herzustellen. Außerdem besaß er trotz preußisch-jesuitischer Korrektheit großes Einfühlungsvermögen, das immer wieder auf uns ausstrahlte. Frage: Und speziell die Beziehung zwischen dir und ihm? Antwort: War für mich ein großer Gewinn. Dass mir jemand freundschaftliche Gefühle entgegenbrachte, und zwar jemand, den ich bis vor kurzem noch gar nicht gekannt hatte, und dann noch eine Autoritätsperson, bestärkte mich. Während meiner gesamten Internatszeit hatte ich nur zwei Freunde gehabt: Hans-Dietrich V. und den Präfekten Siegfried Thenu. Frage: Erregte die Bevorzugung eines Schülers durch einen Erzieher keinen Anstoß? Antwort: Eifersüchteleien gibt es in solchen Fällen immer, aber Siegfried wahrte doch einen Rahmen, in dem seine Sympathie für mich zwar bemerkt wurde, aber kein entscheidendes Ärgernis auslöste. Frage: Was konntest du ihm denn sein? Antwort: Diese Frage müsstest du an ihn stellen, aber er kann nicht mehr antworten, weil er seit 1985 verstorben ist. Allerdings denke ich heute als Lehrer wieder oft an die Zeit mit Siegfried zurück. Auch ich treffe immer wieder Schüler und Schülerinnen, bei denen es mir Leid tut, dass die Konvention eine private Verbindung tabuisiert. Siegfried hat sich darum nicht gekümmert, sondern die Freundschaft zu einem 52 Jahre jüngeren Menschen gesucht und gefunden. * Post Scriptum: Im März 2010 wurde offenbar, was in den „Drei Rektoren“ nur angedeutet wird in Bemerkungen über den ersten und dritten Rektor. Die Presse sprach von Missbrauchsfällen der sechziger und siebziger Jahre. * Nachwort von Paul Storz Mit knappen, ruhigen Fragen werden wir, die Leser und Leserinnen der DREI REKTOREN durch eine Internatsgeschichte geführt, deren Antworten wie die Perlen eines Rosenkranzes an uns vorbeiziehen. Die einzelnen Interviews lassen die individuelle Geschichte eines „Konviktlers“ unmittelbar miterleben: reduziert auf Erinnerungswürdiges, auf wichtige Sequenzen der Adoleszenz. Die Rahmung der Geschichte bilden die drei Rektoren, die wohl bestimmend für den Alltag im Internat waren – ob sie auch prägend für die Biographien der einzelnen Internatsschüler wurden, bleibt eine offene Frage. Für mich als jungen Pädagogen, der vom dritten Rektor Neleth eingestellt wurde und auch zu dessen Ausscheiden wesentlich beitrug, war die Arbeit in B. eine intensive und besondere Zeit. Ich freute mich sehr, als mich der Autor nach über dreißig Jahren anrief und mir von seinem kleinen Buch berichtete. Alte Bilder tauchten auf und viele Erinnerungen an die Menschen im Konvikt wurden lebendig. Als ich gebeten wurde, in der erweiterten Fassung das Nachwort zu schreiben, war dies eine ehrenvolle Aufgabe: die Ehre gebührt dem Autor für seinen wichtigen Beitrag zur Internatsgeschichte. Fast dreißig Jahre nach der Schließung des Internats in B. weitet sich nun diese Geschichte auf eine sehr vielseitige Weise: ehemalige Internatsschüler treffen sich, tauschen sich aus, erneuern Freundschaften und sprechen über Tabus aus gemeinsamen Zeiten. Der Autor greift dies auf und ergänzt seine Geschichte. Er schreibt sie nicht einfach fort mit neuen Fakten, sondern reflektiert und schafft wichtige Zusammenhänge. Knapp einhundert Jahre Internatserziehung in kirchlicher Trägerschaft waren ein deutliches Zeichen, dass Bildung in ihrer Ganzheitlichkeit begriffen ein elementares Recht eines jeden Menschen ist. Der tiefe Riss in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen aufkommender Industrialisierung, Kapitalismus mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Suche nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit verstärkten das Bildungsangebot für junge Menschen. Die deutschen Diözesen sprangen nur halbherzig auf diesen Zug auf: die religiöse Entfremdung einer immer größer werdenden Arbeiterschaft wurde gesehen und der zunehmende Priestermangel beklagt. Mit Hilfe des staatlichen Schulwesens wurden landauf, landab kirchliche Internate gegründet. Zeichnen die Interviews in der Zeit des ersten Rektors diese Zeit sehr deutlich nach? Vermutlich war dieser Rektor der letzte einer ganzen Generation von pflichtbewussten Internatsleitern, die mehr den großen Bildungszielen des Humanismus verpflichtet waren und weniger den kleinen und so wichtigen Anliegen und Fragen von pubertierenden Jungen. Die Geschichte des zweiten Rektors zeigt, dass stabil scheinende Systeme zeitlich befristet sind: Konvikt und Silentium – plötzlich war die Ruhe dahin und erste Veränderungen griffen um sich. Die Ordnung löste sich, der Rahmen schwankte und bedeutend wurde die Persönlichkeit des Rektors; der Übergang zu einer sozialpädagogischen Einrichtung zeichnete sich ab. Neleth, eine schillernde Persönlichkeit, sah die Individualität jedes einzelnen Internatsschülers, kannte ihre Namen, ihre Stärken und Schwächen. Beflügelt mit den positiven Seiten des II. Vatikanischen Konzils erlebte das kirchliche Internatsleben eine neue, sehr kurze Blütezeit, bevor die Seelsorge andere Prioritäten setzte. Dieser Schwung führte auch im Konvikt zu ausgebildetem Fachpersonal, zu individuellerer Betreuung und zu vielen positiven Aktivitäten. Mit Begeisterung und Gemeinschaftserlebnissen wurden Angebote für junge Menschen initiiert, Willy Brandts mehr Demokratie wagen konkretisiert. Dass es die menschlichen Schwächen des zweiten, dritten und vierten Rektors waren, die neben den Finanzen ( gemessen am heutigen Kirchensteueraufkommen im Bistum M. blieb das fehlende Geld auch hier nur ein Vorwand ) schließlich zum Ende des Internats in B. führten, sollte jede Leserin, jeder Leser selbst beurteilen. Ganz offensichtlich fehlten aber damals trägerseitig ein Qualitätsmanagement und ein pädagogisches Controlling. Es bleiben – trotz alledem – die wunderbaren Erlebnisse und Zeiten vieler junger Menschen, die, neben oder außerhalb ihrer eigenen Familie, ihre Kindheit und Jugend im Internat erlebten. Die ewigen Fragen: Wo komme ich her?, wer bin ich?, wo gehe ich hin? stellten sich viele im Internat intensiver und radikaler und die allermeisten von ihnen fanden sehr kreative und sehr individuelle Antworten. Aus heutiger Sicht zeigen die Biographien der letzten Schülergeneration des Konvikts in B. überwiegend Menschen, die verantwortungsvoll, reflektiert und gut gebildet in durchaus anerkannten Berufen ihr Leben gestalten. Auffallend positiv ist die dichte Kommunikation vieler „Konviktler“ untereinander, die von hohem Respekt und gelebter Solidarität geprägt ist. Möge die neu aufgelegte Internatsgeschichte mit ihren Erweiterungen dazu beitragen, dass viele Menschen sich ihrer eigenen Lebensgeschichte bewusst werden, den Mut finden, sich Fragen zu stellen und Antworten zu finden, die so klar und positiv sind wie die Aussagen in diesem Buch.