Erste Szene Salon der Frau von Pommeraye Frau von Pommeraye ( allein ): Kommt er heute? Und wenn er kommt: wie wird er sein? ( Türenschlagen, Stiefeltritte; Auftritt Marquis von Arcis ) Marquis: Guten Tag, meine Liebe! ( küsst sie flüchtig ) Waren Sie wohlauf ... zufrieden? Frau von Pommeraye ( gekränkt ): Sie meinen, in den letzten zwei Wochen, da wir uns nicht gesehen haben? Marquis: Freilich, das meine ich! ( setzt sich auf das Sofa, blättert in einer Zeitschrift ) Nun, meine Liebe ... ( gähnt ) ... die Antwort? ( lässt die Zeitschrift sinken, schließt die Augen ) Frau von Pommeraye ( ironisch ): Freilich, das meine ich! Nun, meine Liebe ... ( gähnt ) ... die Antwort? Marquis ( im Halbschlaf ): Dann ist´s ja gut! ( schläft ein ) ( Frau von Pommeraye will vor Wut mit dem Fuß aufstapfen, unterlässt es aber und holt stattdessen Natalie, ihre Bedienstete, mit der sie flüstert. Natalie deckt den Tisch; zuletzt hält sie eine leere Weinkaraffe in der Hand, schaut fragend zu Frau von Pommeraye, die ihr heftig Zeichen gibt. Natalie lässt die Karaffe fallen. ) Marquis ( aufschreckend ): Was ist los? Wo bin ich? Frau von Pommeraye: Im Salon der Frau von Pommeraye. Marquis: Im Salon der ... Sie scherzen, meine Liebe. - Natalie hat Stücke gemacht? Frau von Pommeraye: Die schöne Karaffe! Marquis: Die Karaffe? Die Weinkaraffe? Frau von Pommeraye: Dieselbe! Marquis: Die ich Ihnen ...? Frau von Pommeraye: Zusammen mit dem Ring und all den andren Sachen ... ( dreht sich zur Seite, schluchzt ) Marquis: Aber, meine Liebe! Keine Tränen! Ich verabscheue Tränen! Es ist doch nur die Karaffe! Frau von Pommeraye: Nur die Karaffe ... Marquis: Die lässt sich ersetzen, so teuer sie war! Oder kann man sie wieder zusammenkleben? ( besieht die Scherben genauer ) Wohl nicht mehr. Frau von Pommeraye: Nein, wohl nicht mehr! ( zu Natalie ) Räum weg, was du angerichtet hast! Dann bringst du das Fleisch, den Wein! Natalie: Sehr wohl, Madame! ( ab ) Marquis: Ein kleiner Imbiss? Das ist nicht übel! ( setzt sich mit Frau von Pommeraye zu Tisch; Natalie mit Fleisch und Wein ) Frau von Pommeraye ( hebt ihr Glas; mit erkünstelter Heiterkeit ): Mögen die Scherben Ihnen Glück bringen, Marquis! Marquis: So gefallen Sie mir besser! Ja, trinken wir! ( Pause, während der der Marquis, ganz in Gedanken verloren, sich der kleinen Mahlzeit hingibt. Frau von Pommeraye beobachtet ihn fortwährend. ) Frau von Pommeraye: So in Gedanken, Marquis? Marquis: Wie meinen ... Was sagten Sie? Frau von Pommeraye: So in Gedanken?, fragte ich. Marquis: Oh, allerdings ... Sie müssen entschuldigen! Aber Sie, scheint mir, sind auch nicht die Gesprächigste. Frau von Pommeraye: Da haben Sie allerdings recht. Marquis: Wie das? Frau von Pommeraye: Nun ... Marquis: Heraus damit! Frau von Pommeraye: Ehrlich gesagt ... Marquis: Ehrlichkeit haben wir uns gelobt. Wissen Sie noch? Frau von Pommeraye: Ja, aber das waren andere Zeiten. Marquis ( gähnt, trinkt ): Und jetzt? Was sind jetzt für Zeiten? Frau von Pommeraye: Ach, ich fürchte, Sie mit meinem Geständnis wütend zu machen. Marquis: Bis jetzt bin ich nur neugierig auf die Eröffnung, die Sie mir zu machen haben. Frau von Pommeraye: Auch wenn diese Eröffnung Sie kränkt ... verletzt? Marquis ( setzt das Glas ab ): Das Ganze beginnt ja ... wie soll ich mich ausdrücken? Heraus damit! Frau von Pommeraye: Ich ... Marquis: Ja? Frau von Pommeraye ( schnell ): Ich liebe Sie nicht mehr! Marquis: Sie ... lieben mich nicht mehr? Madame, was ist geschehen? Was habe ich Ihnen getan? Frau von Pommeraye: Nichts! Gar nichts! Marquis: Ja, aber dann ... - Sie haben einen andren! Frau von Pommeraye: Nein! Marquis: Schwören Sie? Frau von Pommeraye: Ich schwöre! Marquis: Auch nicht den kleinen Grafen? Frau von Pommeraye: Nicht den und niemand sonst! Marquis: Ja, aber ... Frau von Pommeraye: Ich freue mich noch, Sie zu sehen. Aber es ist die Freude, mit der man einen Freund empfängt, nicht ... Marquis: Einen Liebhaber? Frau von Pommeraye: Sie sagen es! ( Pause, in der der Marquis in großer Gemütsbewegung umhergeht; plötzlich: ) Marquis: Madame, ich könnte wieder anfangen Sie zu lieben um dieses Ihres Geständnisses willen! Frau von Pommeraye: Sie könnten ...? Marquis: Wieder anfangen Sie zu lieben, wenn nicht ... Frau von Pommeraye: Wenn nicht? Marquis: Lassen wir das! - Viel wichtiger ist, dass Ihre Empfindungen exakt die meinen sind! Aber ich war zu feig, mich Ihnen zu erklären ... hätte diesen abgelebten, unwürdigen Zustand zwischen uns wohl noch länger anhalten lassen ... oh, Sie beschämen mich! Frau von Pommeraye: Das heißt, Sie fühlen genauso wie ... Marquis: Wie Sie, Madame! Genau wie Sie! Frau von Pommeraye: Und das ist der Grund für Ihre ... wie soll ich mich ausdrücken? ... in der letzten Zeit? Marquis: Wie konnte ich noch derselbe sein? Frei wollte ich wieder sein für - ach, dass ich es Ihnen einmal bekennen müsste! Frau von Pommeraye: Für neue Abenteuer des Herzens? Marquis ( nickend ): Nur die Gewohnheit trieb mich noch zu Ihnen, eine falsche Rücksichtnahme - verzeihen Sie - oder vielleicht ganz einfach die Trägheit; wer weiß! Frau von Pommeraye ( gedankenvoll ): Ja, wer weiß! Marquis: Madame? Frau von Pommeraye ( sich besinnend ): Aber was nun anfangen, Marquis? Marquis: Tja ... das ist freilich jetzt die Frage! Frau von Pommeraye: Wollen wir unsere alte Liebe verwandeln in eine neue Freundschaft? Marquis ( zustimmend ): Das ist allerdings ... Frau von Pommeraye: Wir fahren fort uns zu sehen, aber all die traurigen Auftritte der letzten Zeit fallen weg, all die Treulosigkeiten, Verlogenheiten? Marquis: Richtig, Madame! Frau von Pommeraye: Wir machen uns gegenseitig zu Vertrauten unsrer neuen Eroberungen! Unterstützen uns mit Ratschlägen ... Marquis: Jede neue Eroberung wird mir nur ein Beweis Ihrer Unvergleichlichkeit sein! Und wenn ich zuletzt zu Ihnen zurückkehre, bleibe ich auch gewiss für immer bei Ihnen! Frau von Pommeraye: Übereilen Sie sich nicht, Marquis! Wer sagt Ihnen, dass ich dann noch will, was Sie wollen? Marquis: Wenn Sie mir einen Korb geben würden ( gähnt ) so würde es mich natürlich kränken, aber ich hätte es nur dem Schicksal zuzuschreiben, das uns auseinander trieb ( gähnt ), wer weiß, warum, Madame! Frau von Pommeraye: Ich weiß es nicht, Marquis! Eins aber weiß ich: dass Sie nach Hause in Ihr Bett gehören, um sich auzuschlafen! Marquis: Sie haben recht! Ich folge Ihrem Rat. Tausend Dank für alles! Dass Sie so wunderbar sind! ( umarmt sie flüchtig; ab; Stiefeltritte; Türenschlagen ) Frau von Pommeraye ( schreit ): Es ist wahr! Wirklich wahr! Aaahhh ...! ( wirft mit Geschirr um sich, was Natalie alarmiert ) Natalie: Madame! Was ist geschehen? Frau von Pommeraye: Tausend Versprechungen! Heilige Schwüre! ( verwüstet, was ihr unterkommt ) Natalie: Beruhigen Sie sich! Frau von Pommeraye: Oh dieser Schurke! Dieser Schurke!!! Natalie: So beruhigen Sie sich doch! Frau von Pommeraye ( plötzlich ): Wein! Auf mein Zimmer! Schnell! ( ab ) Natalie: Wein bringen für Madame, - wie oft nun schon, seitdem sie ahnte, dass der Marquis sich Flügel wachsen ließ! ( ab ) ----------------------------------------------------- Zweite Szene Voriger Schauplatz Frau von Pommeraye in gefasster Haltung Natalie: Madame, Ihr Besuch ist eingetroffen. Frau von Pommeraye: Mutter und Tochter? Natalie: Jawohl, Madame. Frau von Pommeraye: Sollen hereinkommen. ( Auftritt Frau Goltz mit Tochter Colette ) Frau von Pommeraye: Treten Sie näher! ( zu Frau Goltz ) Sie werden sich kaum noch an mich erinnern. Vor Jahren begegneten wir uns im Salon des Grafen Jospin. Ihre Tochter war damals noch ein Kind. Jetzt ist sie, wie ich sehe, zu einer Schönheit herangewachsen ... Frau Goltz ( geschwätzig ): Die Zeit verfliegt, Madame, eh wir´s uns versehen, sind die Kinder groß. Frau von Pommeraye: Dann zogen wir beide, etwa zur gleichen Zeit, nach Paris, ich der Liebe wegen, Sie wegen eines Prozesses, aber auf Gesellschaften begegneten wir uns nicht mehr ... Frau Goltz ( unsicher ): Madame? Frau von Pommeraye: Den Prozess haben Sie verloren? Frau Goltz: Leider. Wir wurden betrogen. Frau von Pommeraye: Und mit dem Prozess Ihr gesamtes Vermögen? Frau Goltz: Sprechen Sie nicht davon, ich kriege sonst einen Anfall! Frau von Pommeraye: Jetzt leben Sie von ...? Frau Goltz: Frei heraus, Madame! Wir leben von einem Gewerbe, das man das älteste der Welt nennt, und zu dem uns unsere Feinde getrieben haben. Frau von Pommeraye: Die Freier werden von Ihnen beiden empfangen? - Verzeihen Sie meine Offenheit! Wenn ich zu Ende bin, werden Sie alles verstehen. Frau Goltz: Ja, Madame, von uns beiden. ( mit Blick auf Colette ) Die Männer wollen zwar in der Regel das junge Blut, aber es gibt auch andere, die schätzen die reife Frau. Frau von Pommeraye: Aha! Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben? Frau Goltz: Zufrieden?! Du liebe Zeit! Tja, wenn Colette eine Opernsängerin geworden wäre ... Frau von Pommeraye: Opernsängerin? Frau Goltz: In Paris kann man viel Geld verdienen als Opernsängerin, aber man sagte mir, sie taugt nur für den Kirchenchor und außerdem tanzt sie schlecht. Frau von Pommeraye: So ... Frau Goltz: Ich brachte sie zusammen mit den Honoratoren der Stadt ... Colette: Honoratioren, Mutter. Frau Goltz: Meinetwegen! Aber die Herren akkordierten immer nur eine Zeitlang, wie´s so geht, und zuletzt blieb sie mir sitzen ... Ich meine, nicht eigentlich sitzen, denn die Herren akkordierten - ( zu Colette ) so heißt es doch, oder? Colette: Ja, Mutter. Frau Goltz: Na, siehst du! Also die Herren akkordierten immer wieder, aber nicht so, wie ich gehofft hatte, nämlich als Ehefrau, nicht wahr, Colette? Colette: Ja, Mutter. Frau Goltz: So landeten wir schließlich da, wo wir jetzt sind. Zufrieden?! Du liebe Zeit! Aber Not bricht Eisen, Madame, wie das Sprichwort sagt. Frau von Pommeraye: Wie alt bist du, Colette? Colette: Siebzehn, Madame. Frau von Pommeraye: Du würdest, nehme ich an, auch gerne ein anderes Leben führen? Colette: Die Herren sind mir oft zuwider. Frau Goltz: Obendrein hat sie noch ihre melancholischen Stunden, wo rein gar nichts mit ihr anzufangen ist. Die Herren haben sich deshalb schon bei mir beschwert! Frau von Pommeraye: Wenn ich es mir nun in den Kopf gesetzt hätte, Ihre Lage auf eine glänzende Weise zu verbessern - würden Sie mir wohl beide eine Zeitlang unbedingten Gehorsam leisten? Frau Goltz: Das würden wir tun, Madame! Bestimmt! Ich meine, wenn wir das nicht tun würden - was sagst du, Colette? Colette: Natürlich, Madame! Frau von Pommeraye: Wenn Sie einen Fehler machen, egal wer von Ihnen beiden, wenn sie habgierig oder geschwätzig sind und sich nicht aufs i-Tüpfelchen an das halten, was ich Ihnen befehle, ist es Ihr eigener Schade. Ich stoße Sie zurück in Ihr früheres Leben und kenne Sie nicht mehr. Frau Goltz: Oh nein, Madame! Frau von Pommeraye: Übrigens ist es nicht verboten, was ich mit Ihnen vorhabe. Frau Goltz: Wir stehen Ihnen zur Verfügung, Madame! Nicht wahr, Colette? Colette: Meine Mutter und ich sind ganz Ohr, Madame! Frau von Pommeraye: Nun also! Ihr jetziges Leben geben Sie auf. Sie ziehen unter Ihrem richtigen Namen ... falls Sie Decknamen benutzt haben sollten ... Frau Goltz: Künstlernamen haben wir geführt, Madame. Frau von Pommeraye: Künstlernamen? Frau Goltz: Liebeskünstler-Namen, sozusagen. Frau von Pommeraye: Aha. - Unter Ihrem richtigen Namen ziehen Sie in eine kleine Gemeinde nach O. - als fromme Betschwestern. Frau Goltz: Betschwestern?! Frau von Pommeraye: Ganz recht! Ihre Möbel schaffen Sie fort, außerdem Ihre Kleidung, sofern sie nicht einfarbig-dunkel und bescheiden ist. Es versteht sich, dass Sie auch keinerlei Schmuck, Kosmetik oder Flitter in Ihr neues Domizil bringen. Frau Goltz: Wie Sie wünschen, Madame! Können wir die Möbel bei Ihnen unterstellen? Frau von Pommeraye: Wie bitte? Frau Goltz: Ich meine, für später? Frau von Pommeraye: Wann, "für später"? Frau Goltz: Wenn das vorbei ist, was Sie mit uns vorhaben. Es geht doch vorbei, oder? Frau von Pommeraye: Je besser Sie mir Folge leisten, umso schneller! Nebenbei gesagt, besitze ich Mittel genug, um Ihnen den Verlust der Möbel und des sonstigen Hausrates doppelt und dreifach aufzuwiegen. Frau Goltz: Oh! Ja, wenn das so ist ... Frau von Pommeraye: Aber weiter! Ihre einzige Lektüre besteht in der Bibel und anderen frommen Schriften ... diese Sprache muss Ihnen recht geläufig werden! Frau Goltz: Eine Bibel? Madame! So etwas besitzen wir nicht. Ich meine, wo kriegt man denn eine Bibel her? Colette: Wir werden uns eine kaufen, Mutter! Frau von Pommraye: Sie werden eine vorfinden in der Behausung, die ich Ihnen anweise. Frau Goltz: In der kleinen Gemeinde in O.? Frau von Pommeraye: Richtig. Mit dem dortigen Pfarrer habe ich gesprochen, er ist mit Ihrer Übersiedlung einverstanden. Sie leben als Kostgänger der Gemeinde. Ihr gesamtes Verhalten richten Sie nach Ihrem neuen Stand aus. Frau Goltz: Ja, Madame ... was sollen wir denn da tun? Frau von Pommeraye: Täglich besuchen Sie den Gottesdienst, an Sonn- und Feiertagen zweimal! In der Öffentlichkeit sieht man Sie sonst aber selten, und wenn, dann nur zusammen, nie getrennt. Frau Goltz: Ach! Frau von Pommeraye: Von Zeit zu Zeit geben Sie kleine Almosen aus, aber niemals - hören Sie genau zu! - niemals dürfen Sie welche annehmen! Colette: Können wir denn als Kostgänger der Gemeinde Almosen geben? Frau von Pommeraye: In bescheidenem Rahmen ... als Zeichen Ihrer Bußfertigkeit. Colette: Aha! Frau von Pommeraye: Nun, wie ist es? Wollen Sie sich meinen Anweisungen unterwerfen? Es wird Ihr Schade nicht sein. Colette: Ich bin einverstanden, Madame. Frau Goltz: Wenn Colette einverstanden ist ... machen Sie sich keine Gedanken, Madame, Sie sollen mit uns zufrieden sein. Wirklich, ich meine ... Frau von Pommeraye: Gut, ich werde sehen! Jetzt fahren Sie nach Hause zurück. Bereiten Sie alles für Ihren Umzug vor, wie ich es Ihnen sagte. Aber zu niemandem ein Wort, das versteht sich! Meine Bedienstete wartet draußen mit etwas Geld. Frau Goltz ( erfreut ): Madame, wir sind Ihre Dienerinnen, solange Sie wollen! Nicht wahr, Colette? Colette: Auf Wiedersehen, Madame! ( Frau von Pommeraye mit leichtem Kopfnicken; Frau Goltz und Colette ab ) Dritte Szene Öffentlicher Park Spaziergänger, darunter Frau von Pommeraye mit dem Marquis, bald darauf Frau Goltz mit Colette Marquis: Die Hälfte der Menschheit hat das andere Geschlecht, aber es versteht sich, dass nur ein Bruchteil dieser Hälfte interessant für einen ist. Was meinen Sie, wieviel der Bruchteil ausmacht? Ein Viertel? Ein Fünftel? ( Auftritt Frau Goltz mit Colette: beide schwarz gekleidet ) Frau von Pommeraye: Ist es die Möglichkeit?! Sind Sie es? Frau Goltz und ...? Frau Goltz: Frau von Pommeraye? ( bejahendes Nicken der Frau von Pommeraye ) Gott im Himmel, nach all diesen Jahren! Frau von Pommeraye ( mit Blick auf Colette ): Und das ist ... ? Ist das wirklich Colette? Die kleine Colette? Colette: Ich bin es! Frau von Pommeraye ( zu Frau Goltz ): Wie schön sie geworden ist! Das Bild eines Mädchens! Frau Goltz: Ja, Madame, aber ich sage ihr immer, Gott sieht auf das Innere, nämlich auf die Seele, und das ist das Wichtigste, nämlich darauf kommt es an, ich meine ... Frau von Pommeraye: Wie kommen Sie nach Paris? Leben Sie etwa hier? Frau Goltz: Keineswegs, Madame! Die geschäftige Stadt ... das sündhafte Treiben! Nein, wir leben in einer kleinen Gemeinde in O. ... ganz zurückgezogen ... Frau von Pommeraye: Aber ... wie ist das alles gekommen? Frau Goltz: Ein Prozess, Madame ... ( unterdrückt ein Schluchzen ) ... ein Prozess hat uns um unser Vermögen gebracht! Marquis: Wie entsetzlich! Colette ( betont ): Wir haben unser Los angenommen; nicht wahr, Mutter? ( Frau Goltz versteht den Wink und nickt. ) Marquis ( zu Colette ): Wie meinen? Colette: Wir sind arm geworden an Gütern dieser Welt, aber die Güter der Seele suchen wir täglich zu vermehren. Marquis ( belustigt ): So, so! Frau von Pommeraye ( zu Frau Goltz ): Jetzt leben Sie mit Colette in Armut? Frau Goltz: In der größten Bescheidenheit, Madame; allerdings! Frau von Pommeraye: Und wie lange schon? Frau Goltz: Drei Jahre mögen es sein. Frau von Pommeraye: Drei Jahre?! Aber ich hätte Mittel und Wege gewusst ... Warum haben Sie denn nie Kontakt zu mir aufgenommen? Frau Goltz ( ratlos ): Ja, ich meine ... Colette: Meine Mutter sprach oft von Ihnen, Madame, zumindest in der ersten Zeit. Und wie oft lag ich ihr damals in den Ohren, bei Ihnen vorzusprechen, aber sie sagte dann immer nur: die Frau von Pommeraye? Nein, mein Kind, eine solche Dame behelligt man nicht mit Geschichten wie der unsrigen. Frau von Pommeraye: Das ist aber ungerecht! ( zu Frau Goltz ) Dann müssen Sie mir aber wenigstens jetzt erlauben, einer alten Freundin unter die Arme zu greifen. Frau Goltz: Oh, Madame, wenn Sie so sagen ... Colette ( schnell ): Ihr Mitleid freut uns, Madame, aber die äußeren Dinge, die wir zum Leben brauchen, besitzen wir ... Frau Goltz: Wenn auch nur ganz bescheiden, Madame, wie gesagt, ich meine ... Colette ( betont ): Und mehr bedarfs nicht; nicht wahr, Mutter? Frau Goltz ( versteht ): Nein, mehr bedarfs nicht ... ( Stundenschlag einer Kirchenuhr ) Colette: Was ist das? Frau von Pommeraye: Fünf Uhr. Colette: Fünf Uhr?! Madame, Sie müssen uns entschuldigen. Die Abendandacht ruft. Frau von Pommeraye: Aber bleiben Sie doch noch etwas! Frau Goltz ( auf einen geheimen Wink von Colette ): Das geht leider nicht, an Sonn- und Feiertagen müssen wir zweimal den Gottesdienst besuchen, ich meine ... Colette ( zu Frau von Pommeraye ): Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben! Gebe der Herr, dass wir uns glücklich wiedersehen! Frau Goltz: Ja, Madame; gebe der Herr ... ich meine ... ( wird von Colette weggezogen ) Marquis ( ihnen nachsehend ): Kuriose Figuren! Obwohl, die Tochter ... Frau von Pommeraye: Nicht wahr! Ich war selber ganz überrascht. Marquis: Ohne Zweifel gehört die Kleine zu dem Bruchteil des anderen Geschlechts, der einem das Blut in Wallung bringt. ( gehen weiter ) Erzählen Sie mir mehr von Ihren Bekannten! Wie haben Sie sie kennengelernt? Was wissen Sie von ihnen? Frau von Pommeraye: Marquis, für galante Abenteuer ist Colette nicht zu gebrauchen! Marquis: Aber, Madame! Welche Verdächtigung! Eine Betschwester! ( verlieren sich unter den übrigen Spaziergängern ) * Nachbemerkung Geschrieben im Sommer 1999. Als Vorlage diente die Erzählung "Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache" von Denis Diderot in der Übersetzung von Friedrich Schiller, vgl. Schillers Sämtliche Werke, hg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, Bd. 5, München 1993, S. 183 - 219.