Philosophem/Essay/Lob der Freundschaft
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Lob der Freundschaft Mein Freund war 52 Jahre älter als ich und ist mittlerweile seit 25 Jahren tot. Er war Erzieher eines Internats im südhessischen Bensheim, das ich von 1970 bis ´76 besuchte. Nach seinem Renteneintritt 1975 bezog er eine neue Wohnung in der Internatsstadt. Während der Mittagsfreizeit stand ich dort oft vor seiner Tür. Bei Tee und Gebäck tauschten wir uns über alles aus, >was irgend anstand<. Solche unbeschwerten Stunden des Erzählens habe ich seitdem nicht mehr erlebt. Ich versuche, die geistige Welt meines Freundes aus persönlichen Erinnerungen anzudeuten und einige Aspekte zu reflektieren. Die Themen seien: griechisch-römische Antike, Augustinus, Weimarer Klassik, Stefan George und Thomas Mann. Natürlich ist das ein zu grobes Raster, aber eine Orientierung bietet es. Griechisch-römische Antike – für uns Schüler in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Angelegenheit von Vokabeln, Grammatik und Wörterbuch. Seitens unserer Lehrer schwang mit dem Erlernen der alten Sprachen auch eine >Haltung< mit, die ungefähr verhieß, dass es sich vor allem bei der griechischen Antike, speziell dem Perikleischen Zeitalter, um eine >Hoch-Zeit< der Menschheit gehandelt habe. Hatten unsere Lehrer Recht damit? Hatte mein Freund Recht damit, der zwar nicht unser Lehrer war, aber dieselbe >Haltung< in den Wohnräumen des Internats vertrat? - Die Fülle bahnbrechender Geister auf den verschiedensten Gebieten wie Philosophie, Poesie, Architektur, Bildende Kunst, Mathematik, Astronomie, Politik usw. stimmte die Nachgeborenen zu der Vermutung, es müsse sich um ein begünstigtes Geschlecht gehandelt haben, bei dem die Sehnsucht nach einem freieren und gehobeneren Leben, wie wir es in die Zukunft träumen, Gestalt gewann. Ist das glaubwürdig oder eine Projektion? Gibt es so etwas wie ein allgemeines Lebensgefühl einer Epoche, das sich vergleichen lässt mit dem Lebensgefühl anderer Epochen? ( Schopenhauer lehrt, dass geistige Beschäftigung per se beglückend sei. Da nun tatsächlich auffallend viele Menschen in Athen, Korinth usw. hervorragend geistig tätig waren, lässt sich vielleicht wirklich behaupten, dass die antiken Griechen glücklicher waren als >stumpfere< und weniger erfolgreiche Geschlechter. ) Steht nicht andererseits jede Epoche nach einem bekannten Diktum „unmittelbar zu Gott“, das heißt: unvergleichbar für sich zu Gott? Stritten die Griechen nicht auch untereinander im Heerlager vor Troja? Und verlor Odysseus nicht alle seine Gefährten, bevor er heimkehren konnte nach Ithaka? Wem das zu poetisch gefragt ist, der schaue sich die Lebensläufe des Perikles oder Themistokles an: Kämpfe allenthalben. ( Auch wir haben sie auf uns zu nehmen, unwissend darüber, wie man später über uns urteilen wird. ) Die griechisch-römische Antike, speziell das Zeitalter der Akropolis, mag indessen weiter den Traum eines Lebens bilden, das vielleicht einmal war, wie es sein soll – und vielleicht wieder entsteht. * Das abendliche Gebet in der Kapelle gestalteten die Erzieher abwechselnd nach ihrer Art. Mein Freund sprach einmal über Augustinus und beendete seine Ansprache mit dessen bekanntem Wort: „Liebe und tu, was du willst!“ Später schenkte er mir einen Artikel von sich über den Kirchenvater, in dem er die „Bekenntnisse“ untersuchte. Nun war ich genügend aufmerksam geworden. Vor allem das elfte Buch der „Bekenntnisse“ hat sich mir eingeprägt. Da sich die Macht der Zeit auch mir – dem Fünfzigjährigen - unabweislich aufdrängt, will ich über das rätselhafte Phänomen eigene Bemerkungen machen; nicht in der Hoffnung, Neues zu vermitteln und mich den berühmten Vor- und Mitdenkern in dieser Frage an die Seite zu stellen, sondern aus dem Bedürfnis heraus, mir über die Zeit ein wenig persönliche Klarheit zu verschaffen ... Jedes Nachdenken über die Zeit gerät an die Aporie, dass sie >angefangen< haben muss, weil eine unendliche Zeit unvorstellbar ist und jedenfalls nie bis zu uns, den Nachdenkenden, gelangt. Zeit ist nicht Stillstand, sondern Zeit-Fluss. Ein „Uranfang“, wie Augustinus sagt, bleibt rätselhaft, weil er vor der Zeit liegt. Der Alternativgedanke ist ein abgeschlossenes Ereignis, das sich unendlich wiederholt ( >kreisförmig< ist ). Hier gibt es nur die Bruchstelle zwischen Ende und Anfang, aber kein rätselhaftes >Davor< ( oder – um im Bild des Kreises zu bleiben – den >nahtlosen< Übergang zwischen beiden Stadien ) ... Aber ich gerate in die Theorie und will mich lieber darum kümmern, wie ich Zeit verbringe, was es für mich heißt, Zeit zu nutzen oder sie ungenutzt verstreichen zu lassen! Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort; permanente Arbeit, die vordergründig als sinnvolle Nutzung der Zeit erscheinen mag, ist nicht durchführbar. Die Frage nach dem richtigen Maß von Arbeit und Erholung drängt sich auf. Als ich noch Internatsschüler war, bezeichnete ein genauer Tagesablauf die Stunden für Lernen und Freizeit. Aber als Erwachsener, der sich über amtliche und private Verpflichtungen nicht beschweren kann, ist diese schöne Ordnung ins Wanken geraten; jede Mußestunde, die Erschöpfung und Müdigkeit diktieren, droht ein schlechtes Gewissen zu machen ... Zeit in Abhängigkeit von Raum und Bewegung ist eine geläufige Formel; für meine Zwecke will ich darauf rekurrieren, dass Bewegung Energie benötigt. Kann ich Zeit umso besser nutzen, je mehr geistig-seelische Energie ich zur Verfügung habe? „Nutzen“ heißt ausfüllen, heißt letztlich Sinn gestalten. Dieser Sinn bringt mich in gleichen Takt mit der Zeit, die ich immer nur gegenwärtig zur Verfügung habe. Das Ideal besteht in einem >Aufgehen< meines gesamten Energievorrats in der Gegenwart, ohne nostalgischen Verlockungen zu erliegen oder ängstlichen Blicken in die Zukunft. Was früher war, soll mich jetzt >tragen< oder besser noch: >anschieben<; was kommen mag, soll mir ebenfalls nur zum Ansporn dienen für gegenwärtiges Handeln! Gibt es hierbei ein >Ankommen< dergestalt, dass ich mich am Ziel meiner Bemühungen um vollständige Präsenz weiß? Das wäre wie in manchen Filmen: mit der Gloriole am Ende ... Wichtig ist, mich der Möglichkeit – sei es nur als Gedanke! - des Aufschwungs in die vollständige Präsenz bewusst zu bleiben – ohne dieses letzte Ziel zu erreichen, das ich meiner Kraft nicht zutraue. Es liegt vielleicht auch nicht mehr in der Zeit, sondern - in der Ewigkeit ( die, wie ich lese, für die Physiker von heute „leer“ geworden sei ). * Bei der Weimarer Klassik ist es ähnlich wie im antiken Griechenland: Goethe und Schiller waren umgeben von Mit- und Gegenstreitern, welche später in dieser Anzahl und in diesem Rang in Deutschland nicht mehr aufgetreten sind. Um 1800 fand Deutschlands >Athen< statt – aber ich will keine kulturgeschichtliche Betrachtung anstellen, sondern eingedenk meines Vorhabens aus persönlichen Erinnerungen heraus die geistige Welt meines Freundes andeuten. Noch in seiner aktiven Zeit als Präfekt des Internats ( das heißt Haupterzieher nach dem Rektor ) erzählte ich ihm, dass mich ein Bild Schillers fasziniert habe, das ich in der Internatsbibliothek in einer Literaturgeschichte entdeckt hätte. Kurze Zeit später überreichte er mir eine Ablichtung eben jenes Schiller-Bildes – das nun vor mir auf dem Tisch liegt. Es handelt sich um das im Todesjahr Schillers angefertigte Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein ( dem Vetter des >Goethe-Tischbein< Johann Heinrich Wilhelm ). Tischbein begann mit der Arbeit im Februar 1805. Schillers Gesundheitszustand ließ bald weitere Sitzungen nicht mehr zu, so dass Tischbein Danneckers Portraitbüste zu Hilfe nahm, das Gemälde wahrscheinlich erst nach Schillers Tod vollendete und mehrere Repliken anfertigte. Diese Repliken sind teilweise regelrecht grotesk und geben nichts wieder von dem tiefen Eindruck, den ich damals in der Bibliothek im Bensheimer Internat empfand. Selbst die heute im Marbacher Schiller-Nationalmuseum hängende Fassung kommt für meinen Geschmack nicht an >meine< Fassung heran; Schillers Gesicht ist schon etwas in die Länge gezogen, was sich in späteren Repliken noch verstärkt hat. Worin bestand nun aber der „tiefe Eindruck“, den das Schiller-Bild auf mich machte? Ist das überhaupt in Worte zu fassen? Müssen bei einem >überwältigenden Eindruck< alle Worte nicht notwendigerweise zurückbleiben hinter dem inneren Erlebnis? Ich habe damals meinem Freund meine Faszination mitgeteilt, aber deren Authentizität hat er vielleicht mehr aus dem Klang meiner Stimme, dem Leuchten meiner Augen usw. herausgehört und –gesehen, als aus dem rationalen Gehalt meiner Sätze. In jedem Fall kann ich rückblickend sagen, dass mein Eindruck ungebrochen war, in keiner Weise angekränkelt von irgendeinem Zweifel. Hier war ein Mensch in einer Überlegenheit dargestellt, die ich noch nicht erfahren hatte. Die Überlegenheit war innerer und geistiger Natur, sie stützte sich auf den eigenen Sinn, das eigene Denken und war deshalb umso überzeugender. Zwar hatte der Maler Schiller einen majestätischen Umhang angedichtet ( oder vielleicht sogar tatsächlich umgehängt ), aber dann das in deutlichen Falten darunter liegende Hemd nicht verschwiegen, nicht einmal ein Stück Kragen des weißen Unterhemdes. Die wirren Haare verstärken den Eindruck, dass hier nicht äußere Repräsentation von Belang ist ( wie es gerne in Beschreibungen des Bildes betont wird ), sondern gegenwärtige geistige Präsenz. Im Themistokles-Fragment wollte Schiller am Schluss „ganz den herrlichen Griechen“ darstellen, „die hohe, treffliche, unzerstörliche Natur, kurz den ganzen unsterblichen Helden.“ Er schließt mit einem Wort, das ich damals meinem Freund dem Sinn nach sagen wollte, ohne dass ich es vermochte: „Geist fließt von seinen Lippen, Leben glüht in seinen Augen, Feuer und Tätigkeit ist in seinem ganzen Tun.“ Zu meinem siebzehnten Geburtstag schenkte mir mein Freund ein Goldmann-Taschenbuch mit einer von Kurt Waselowsky ausgewählten und eingeleiteten Sammlung von Goethes Gedichten. Am häufigsten habe ich das Gedicht „Hoffnung“ aus dem Jahr 1776 aufgeschlagen und es immer wieder gelesen, obwohl ich die wenigen Verse längst auswendig wusste: Schaff´, das Tagwerk meiner Hände, Hohes Glück, daß ich´s vollende! Laß, o laß mich nicht ermatten! Nein, es sind nicht leere Träume: Jetzt nur Stangen, diese Bäume Geben einst noch Frucht und Schatten. Hoffnung gehört zur Jugend, die – nach einem Wort Jakob Michael Reinhold Lenz´ – zwar noch nichts ist, aber noch alles werden kann, weil ihr eine scheinbar unübersehbare Zeit zur Verfügung steht. O Zeit des Werdens, der Ahnung des Vollbringens, ungebrochnen Traums! Mit den Jahren verengen sich die Möglichkeiten - bis zuletzt die Basis aller Hoffnung, die bloße physische Existenz erlischt. Welche Rolle spielt die Hoffnung in der zweiten Lebenshälfte, vielleicht ab dem vierzigsten Jahr, und welche Rolle spielt sie für mich, der ich nicht mehr vierzig, sondern fünfzig bin ( und vor kurzem die erste Lesebrille verordnet bekommen habe )? Hege ich heute nur noch die allgemeinsten Hoffnungen ( Gesundheit, Spannkraft [ „Lass, o lass mich nicht ermatten! ], die Verschonung vor Katastrophen sowie die Hoffnung, die sich schon nicht mehr auf mich richtet, sondern auf meinen Sohn, dass er seinen Weg finden möge? Der Bewusstseinswandel von der Jugend zum Erwachsenenalter ist von der Einsicht in die Begrenztheit eigener Kräfte geprägt, gibt im Glücksfall auf, was sich als unerreichbar erwiesen hat und wird dadurch frei, tätig zu bleiben, ohne sich selbst noch so wichtig zu nehmen. Heiterkeit ist wohl das treffende Wort, das einen solchen Bewusstseinzustand kennzeichnet, und auch hier habe ich meinem Freund viel abschauen können, vor allem in der Zeit, als er der Berufspflichten ledig war. Auch seine immer schwächer werdende Gesundheit und zuletzt die Amputation eines Beines änderten daran nichts. ( Noch am Vorabend seines Todes sprach er >in aufgeräumter Stimmung< mit seiner Schwester am Telefon, wie diese mir – ebenfalls am Telefon – mitgeteilt hat. ) Immer heiterer wurdest du, Freund, im Alter. Vorbild bis zuletzt. * Wenn mein Freund die Abendaufsicht führte, kam er gerne zu uns ins Zimmer, um irgendeinen Plausch anzufangen. Bei dieser Gelegenheit erzählte er einmal von Stefan George und zitierte aus dem vielleicht bekanntesten Gedicht des Autors: „komm in den totgesagten park und schau: / Der schimmer ferner lächelnder gestade“. Gestenreich führte er die zweite Strophe vor: „Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau“, zeigte mit einer leichten Beugung zu einer Seite „das tiefe gelb“ an und zur andren Seite „das weiche grau“. Wir spürten, wie ergriffen er war von Versen, die wir zum ersten Mal hörten und nicht richtig verstanden. Wie immer in solchen Fällen schwiegen wir, sagten höchstens ein interessiert-zustimmendes „hm“ und nickten mit den Köpfen ... Die zweite Erinnerung an George geschah durch seine Übersetzung des achtzehnten Sonettes von Shakespeare, das mir mein Freund mit der Schreibmaschine auf ein DIN A5-Blatt tippte und schenkte: „Soll ich vergleichen einem sommertage / Dich der du lieblicher und milder bist“. Andere Übersetzungen des Sonetts kommen an die George-Übertragung nicht heran, was mir erst viele Jahre später klar wurde. Eine gute Übersetzung kann nicht nur handwerklich vorgehen, sie muss >nachdichten<, um dem poetischen Gehalt des Originals zu entsprechen ... Neben Abbildungen antiker Figuren hatte mein Freund auch ein gerahmtes Bild von Stefan George in sein Wohnzimmer gehängt; mag sein, dass ich ihn danach fragte ... So erfuhr ich, dass George sich kurz vor seinem Tod aus Deutschland abgesetzt habe, um der Vereinnahmung durch die Nazis zu entgehen. Über das Werk des Autors sprachen wir nicht; ich hätte es damals auch nicht fassen können. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod meines Freundes bekam ich eine CD-Rom geschenkt mit Werken deutscher Dichter von Luther bis Tucholsky. Nun kann ich mich bequem durch die Gedichtbände Stefan Georges klicken und einige der feierlich-hymnischen, männerbündisch-priesterlichen Verse lesen ... * Ich erinnere mich einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Freund, von der ich bedaure, dass ich sie heute nicht mehr mit ihm diskutieren kann: Die Buddenbrooks-Verfilmung vom Hessischen Rundfunk aus dem Jahr 1978, Regie Hans Peter Wirth, gefiel ihm nicht; ich hingegen fand sie großartig und halte sie bis heute nicht nur für die werkgetreueste, sondern auch geistreichste Verfilmung des Romans. Die Figur der Klothilde, die zur Fabel vom Verfall einer Familie nichts beiträgt, sondern nur als arme Verwandte der Buddenbrooks an deren Tisch sitzt und unentwegt vor sich hinmampft, wurde im Film weggelassen – mutig und vollkommen einsichtig! Manche Dialogpartien wurden gestrafft, manche Nebenfiguren nur in – ausreichenden – Umrissen gezeichnet. Hinzugefügt wurde das häufige Zeitschlagen der Lübecker Turmuhr, ein Symbol der Vergänglichkeit, welche den Figuren, die in immer neuen Gegenwarten gefangen sind, selten bewusst wird ... Aber was war es, was meinem Freund nicht gefiel? Sprach er sich über die Gründe seines Missfallens mir gegenüber aus? Nur einmal äußerte er sich in emotionaler Form, dass ihm die Figur der Konsulin zu theatralisch angelegt sei – mehr habe ich nicht von ihm erfahren. Ich muss mir heute selbst ein Bild machen von den Gründen seiner Ablehnung, und eine Vermutung habe ich: Der Stefan George-Leser liebte das Heroisch-Aristokratische und konnte nichts anfangen mit Modern-Psychologischem, mit Realistischem oder gar Naturalistischem in der Literatur. Peter Härtlings Hölderlin-Roman, den ich ihm nach meinem Weggang vom Internat auf Kassette sprechen wollte, lehnte er schon nach der ersten Aufnahme ab, weil er die Mundart-Partien - „I woiß“ – verachtete. In einem Brief fragte er mich einmal, was ich von Heinrich Böll halte und fügte hinzu: „Mir bedeutet er nichts.“ Diese Beispiele lassen sich mit >Gegenbeispielen< versehen: Meine Hermann Hesse-Lektüre ( voll >Modern-Psychologischem< ) begleitete er in den Internatsjahren kundig und hilfreich, Wolfdietrich Schnurres späte Aufzeichnungen „Der Schattenfotograf“ ( voller >Realismus< ), die ich ihm geschickt hatte, lobte er respektvoll, und nicht zuletzt war der gleiche Mann, der Stefan George verehrte, ein Rockmusik-Liebhaber, konnte mit klassischer Musik nichts anfangen und verteidigte vor seinen Altersgenossen die damals bei jungen Männern beliebten langen Haare! * Ist die geistige Welt meines Freundes, die ich hier anzudeuten versucht habe, nicht auch die meine? Ja und nein. Ich habe die „Welt von Gestern“ beschrieben – ohne Personalcomputer und den Euro, mit eisernem Vorhang zwischen Ost und West. Wir dachten damals, dass die gesellschaftlichen Reformen der Brandt-Ära immer weiter gehen würden; das Wort Reform hatte die beinahe umgekehrte Bedeutung wie heute, brachte dem Bürger der alten Bundesrepublik größere Freiheit, mehr Geld und Mitbestimmungsrechte. Das damalige Denken in sozialen Kategorien ist heute abgelöst worden von relativistischen Positionen, die der Ökonomisierung aller Lebensbereiche Vorschub leisten. Angeblich konservative Politiker werfen Altbewährtes ( wie den Humboldt’schen Bildungsbegriff ) bedenkenlos über Bord mit dem – früher von denselben Leuten als Gleichmacherei gescholtenen – Argument: Die andern machen´s auch so! Hier heißt es sich neu zu orientieren und – wenn die Hoffnung es noch hergibt! – Widerstand zu leisten. Aber wie soll der zerstörerischen Kraft schrankenloser Märkte entgegengetreten werden? Wie soll die Herkules-Aufgabe bewältigt werden bei der Disparität globaler Lebensverhältnisse? Das Kapital ist immer einen Schritt voraus, und soziale und ökologische Ambitionen haben das Nachsehen. Außerdem macht sich das Kapital möglichst unangreifbar: einmal durch das Argument, die Lebensgrundlagen zu liefern, dann durch den Versuch, sich in die Anonymität zu flüchten. ( Es gibt keinen Dreißiger mehr wie in Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“, vor dessen Haus die empörten Arbeiter ziehen können. ) Was viele Kunden von Handyfirmen erfahren haben: dass sie keinen Ansprechpartner finden, wenn sie den Vertrag kündigen wollen ( die protzigen Filialen mit smartem Personal sind nur zum Verkaufen berechtigt, nicht jedoch zur Entgegennahme und Bearbeitung von Kündigungen! ), hat schon der alte Ernst Bloch in der Mitte der Siebziger des vorigen Jahrhunderts in Tübingen benannt: Der Kapitalismus macht sich nebulös. Aber wie in Zeiten des Gottesgnadentums Philosophen in England und Frankreich den Verfassungsstaat vorausgedacht haben, kommt es heute darauf an, Alternativmodelle auf sozialer und ökologischer Grundlage zur >Logik der Märkte< zu entwickeln. Wem das unrealistisch erscheint, der setzt vielleicht seine Hoffnung noch immer darauf, >dass der Markt alles regelt<, oder er hofft, dass die soziale Schere - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - nicht immer weiter auseinander klafft mit unabsehbaren Folgen ( vor denen schon Willy Brandt in den Siebzigern als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission gewarnt hat ). Eine Diskussion über die Integration der Zuwanderer, vor allem aus dem islamischen Kulturkreis, wird heute kontrovers geführt. Während rückwärtsgewandte Positionen am liebsten zurückkehren würden in ein Deutschland ohne nennenswerte Zuwanderung, suggerieren scheinbar fortschrittliche Positionen, dass Zuwanderung per se Probleme und Kritik ausschlössen. Beides ist absurd. Gegenseitiges Lernen für eine gemeinsame Welt geschieht in kritischer Auseinandersetzung. Die Vorteile einer demokratischen Gesellschaft sind neben ökonomischen Punkten für viele Zuwanderer Motivation des Aufbruchs aus der Heimat gewesen. Wir sollten uns dieser Vorteile bewusst bleiben; sie unterscheiden uns von Gesellschaften, die ihre Regierungen nicht abwählen können. Belehren lassen sollten wir uns hingegen darüber, dass eine vorrangig materielle Lebensauffassung defizitär bleiben muss. Die Errungenschaften von Aufklärung und Moderne können nicht bewahrt werden, wenn alle Lebensbereiche dem wirtschaftlichen Effizienzdenken ausgeliefert werden. Was die griechisch-römische Antike, Augustinus, Weimarer Klassik, Stefan George und Thomas Mann betrifft: Die neue Generation macht sich ihre eigenen Reime darauf – und wird sich vielleicht mit Situationen auseinander zu setzen haben, die wir heute kaum erahnen. * Das ehemalige Bischöfliche Konvikt in Bensheim habe ich oft aufgesucht. Es ist nach der Schließung 1981 umgebaut worden und dient als Rathaus. In einem Frühjahr vor – auch schon wieder! – zwei oder drei Jahren stand ich vor dem Gebäude, sah die >erwachende Natur< und dachte an meinen Freund, der hier genau fünfundzwanzig Jahre lang, von 1950 bis ´75, seinen Dienst versehen hat. Blüten überall und Grün im Saft, als ob wir nie gewesen wär´n.
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