Philosophem/Essay/Ein Zauber leiht mir Schwingen
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Ein Zauber leiht mir Schwingen Was ist die Liebe? fragte ich Juana. Kriegen wir´s heraus, wenn wir Francesco Petrarcas „Sonette an Madonna Laura“ lesen, jene achtzig Sonette, die von nichts andrem als seiner Liebe zu Laura Noves handeln, „Gattin eines Herrn de Sade“, wie meine Reclam-Auswahlausgabe berichtet? Immer wieder hat mich dieses Büchlein angezogen, das ich schon wer weiß wie viele Jahre besitze, irgendein Schatz wird darin zu heben sein, dachte ich, und jetzt suche ich ihn! sagte ich zu Juana. Das erste Sonett bildet eine Art Vorwort, das wohl nach Vollendung des Werkes geschrieben wurde – und bringt mich gleich in Verlegenheit, bekannte ich Juana, ich verstehe es wahrscheinlich nur halb, aber ich lasse mich nicht aufhalten, sagte ich zu Juana. Aus zeitlichem und innerem Abstand blickt Petrarca auf die Lieder, / die stürmisch meines Herzens Frühling sang. Mittlerweile hat er diesen Sturm bestanden und als Trug erkannt. Scham und Reue ergreift ihn, dass seiner Jugend blühend Reis verkümmerte. Was soll das heißen? fragte ich Juana. Würde er die Liebe zu Laura gerne ungeschehen machen? Soll ich wirklich davon ausgehen, dass die Wortwahl Scham und Reue und natürlich Trug im Vorwort-Sonett alles Folgende, die ganze Geschichte seiner Liebe zu Laura in Zweifel zieht? Dass die Jugend vergeht, ist ein natürlicher Vorgang, dem keine moralische Bewertung zukommt, aber dass die Jugend, das blühende Reis, unter vergeblicher Liebessehnsucht schwand – ist es das, was Petrarca bereut? Die vorletzte Verszeile geht in eine andere Richtung: Dass der Mensch Leid und Freud erfährt, aber nicht beherrschen kann ( sonst käme das Leiden wahrscheinlich nicht vor, bemerkte ich zu Juana ). Was der Mensch nicht beherrschen kann, was ihn aber ergreift, lässt ihn allenfalls >vermindert schuldfähig< erscheinen; da geschieht etwas mit mir, ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich muss darauf reagieren, die Moral spielt hinein, aber nicht als Hauptakteurin, wenigstens nicht als alleinige. Das Andere – was ist das? fragte ich Juana. Ist es das, wovon das Vergängliche, die uns sichtbare Wirklichkeit, nur ein Traum sei, wie das Sonett schließt? Ein Traum von was? fragte ich Juana. Soll man vor dieser Frage, welche die Philosophen seit mehr als zweitausend Jahren vor sich her wälzen, kapitulieren? Könnte es nicht sein, dass Petrarcas „Sonette an Madonna Laura“ die Antwort enthält? Dann ginge Petrarca >aufs Ganze<, und ich behaupte, dass er genau das mit seinen Sonetten unternimmt: den Weltkreis auszumessen! Sein Inneres findet sich bereit dazu, seit er Laura kennt. ( Endlich bedeutet das Leben die denkbar größte Herausforderung! ) Meine Beweiskette beginne ich mit dem zweiten Sonett, sagte ich zu Juana: Hier berichtet Petrarca von der Geburt Lauras. Die meisten Liebenden werden sich nur mäßig für die ersten Lebensphasen ihrer Geliebten interessieren, sagte ich zu Juana. Die Liebe braucht für gewöhnlich die Gegenwart des anderen Menschen im passenden Alter und gibt sich damit zufrieden ( die Lust lebt nur im Augenblick ) – bei Petrarca ist manches anders! Er denkt über die Geburt seiner Geliebten ( oder Angebeteten, denn ob sie seine Geliebte war, ist zumindest zweifelhaft, auch wenn der Romanautor Henning Boethius anderer Meinung ist ) ebenso nach wie er ihr noch nach ihrem Tod seine Gedanken weiht, mit ihr >im Bund ist< auf eine Art, die keine lebende Frau ersetzen konnte. Mächtig holt er aus, um die Feier von Lauras Geburt einzuweihen, nämlich mit nichts Geringerem als der Erschaffung der Welt! ( Der Anfang der Welt unter der Perspektive der Liebe, sagte ich zu Juana – eine andere als die uns gewohnte naturwissenschaftliche Betrachtung! ) Dann lässt er Jesus >auftreten<, ( ... ) in Bethlehem / Den Stall erkor er Seinem Glanz zur Wiege. Und in diese Reihe aus Gottvater und dem Heiland stellt er quasi als Dritte im Bund Laura! Mit der scheinbaren Unbedeutendheit der Geburtsorte Christi und Lauras konstruiert er die Analogie: hier Bethlehem, dort im Tal ein Dörfchen. Dieses Dörfchen hat Gott jetzt ersehn ( ... ), dass ihm hell entstiege / Der Sonnen schönste. Auch wenn nicht davon auszugehen ist, dass nach Petrarca die Christenheit statt Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist nunmehr sagen sollte: Gottvater, Gottsohn und Laura, stellt die Analogie eine unvergleichliche Ehrerbietung dar; viele werden sie als überspannt bezeichnen. In der letzten Verszeile spricht Petrarca Laura an: Dort ließ Er, Laura, dich der Welt erstehn. Nach der Beschreibung von Welterschaffung und Ankunft Christi die vertrauliche Ansprache der Geliebten, die an die eigene Geburt erinnert wird – als ein im göttlichen Heilsplan vorgesehenes Ereignis! Diese Liebe hebt Laura auf von Zufall und Nichtigkeit, sagte ich zu Juana, und verschafft ihr einen festen und notwendigen Platz in der Welt. Und für Petrarca selbst, den Liebenden, hat die in Raum und Zeit unbegreifliche Welt durch Laura einen Sinn erhalten, oder – wenn das zu ahistorisch gedacht ist – werden die christlichen Modelle der Welterklärung neu belebt und unvergleichlich aufgeladen. Zugegeben: viele große Worte für die einfache Tatsache, dass Laura ihn glücklich macht, sagte ich zu Juana, und zumindest hier, in diesem zweiten Sonett, macht sie ihn einfach nur glücklich! ... Wundersame Gewalten ergreifen den Dichter, wenn er an Laura denkt und ihren Namen ruft ( Quand´io movo i sospiri a chiamar voi ); wohl ohne Hoffnung, wirklich gehört zu werden, sondern nur so, dass die entfernte Geliebte sich angerührt fühlen möge. Mit ihr ist die überwältigende Erfahrung in sein Leben getreten, dass es mit dieser Welt anscheinend nicht nur seine Richtigkeit hat, sondern dass sie erfüllt ist von einem Zauber, den er kaum noch für möglich gehalten hätte oder den er sich vielleicht tatsächlich nicht ausmalen konnte. Sein Begehren weicht einem heiligen Ahnen, es verliert sich in Ehrfurcht – Petrarca wird zum Teilhaber des Göttlichen, auf das ihn die Bekanntschaft mit Laura verweist. Das Göttliche - plötzlich mehr als ein bloßer Gedanke! ... Dass Laura nur >Verweisungscharakter< hat, möchte ich gleich wieder bestreiten, sagte ich zu Juana. Sie stellt nämlich selbst etwas dar – etwas so Großes, dass es nur eines Gottes Leier angemessen besingen kann. Heißt das nicht: Der Schöpfer bewundert sein Geschöpf? fragte ich Juana. ( Ist das möglich, dass Gott bewundert, was er geschaffen hat, nicht aus >Selbstgefälligkeit<, sondern ehrlichem Erstaunen? ) Wie ich gerade den Blick von der Geliebten auf den Liebenden gerichtet habe, so frage ich auch jetzt: Ist Petrarca nicht ebenso wie Laura ein >Medium ( Die Unterscheidung zwischen dem Autor und dem lyrischen Ich der Sonette – von manchem Literaturkundigen vielleicht schon mit Argwohn vermisst - vernachlässige ich jetzt, sagte ich zu Juana, vielleicht komme ich darauf später zurück. ) Petrarca begreift, dass er nichts zu Lauras Feier vermag und sieht sich veranlasst, ihren Lobpreis einem Gott zu überlassen. Das stellt eine Höhe des Empfindens dar, auf der es der menschlichen Liebe wohl bald schwindlig wird, sagte ich zu Juana; der Absturz wird nicht lange auf sich warten lassen ... „Am 6. April 1327 sieht er in der Kirche Santa Chiara in Avignon die Frau, die fortan seine Seele erfüllt“, berichtet die Reclam-Auswahlausgabe. Damals war Petrarca 23 Jahre alt. 1348 verstarb Laura ( an der Pest ). Zwei Jahre später macht sich ihr Dichter an die Sichtung und Überarbeitung der Sonette. Die Liebe zu Laura hat ihn versklavt, gebrochen, ohne Gegenwehr gemacht – aber doch nur zu einem Teil, bei dem er nicht stehen geblieben ist. Er hat die Erfahrungen dieser lebenslangen Liebe reflektiert und zur Kunst erhoben, er hat nicht nur gefühlt, sondern gestaltet. Sich zum Herrn seines Schicksals zu erheben oder es wenigstens zu versuchen, macht sofort wieder respektabel. Es beendet das ( Liebes-)Leiden durch die Tat oder mindert es zumindest. Vielleicht kann nur derjenige von wahrer Liebe sprechen, den die Liebe verwandelt und aktiver macht, als er vorher gewesen ist, was meinst du, Juana? fragte ich Juana. Denn wem die Liebe ein solches Glück bereitet, wie sie Petrarca durch die Begegnung mit Laura bereitet hat, kann der auch nur faul oder bequem bleiben? Wer seine Liebe mit dem Anfang der Welt und dem Gang der Geschichte verbindet und sie schließlich über den Tod der Geliebten noch aufrecht erhält – kann der sich noch demütigen lassen von seinem kleinen Ich? Aber was sind das für Kategorien? fragte ich Juana. Idealität, Erhabenheit – passt das noch in unsere Zeit oder nur noch in die Kants und Schillers vor mehr als zweihundert Jahren? Ist das Signum unserer Zeit nicht die Gebrochenheit, die Mehr- oder Vielperspektivität? Hat sie nicht ein großes Misstrauen entwickelt gegen alles, das >aufs Ganze< geht und den Weltkreis ausmessen will? Wer sich mit Petrarcas „Sonette an Madonna Laura“ beschäftigt, sagte ich zu Juana, begibt sich in eine andere Sphäre des Denkens und Empfindens, als sie unseren Alltag prägt. Um das zu illustrieren, bleiben wir noch beim vierten Sonett, sagte ich zu Juana; sein Hauptthema ist die Liebe und der Tod. Laura macht Petrarca sehnsüchtig, schwach, er müht sich in tausend Finsternissen und weiß, dass die Straße, auf der er schreitet, zum Tode führt. Was bedeutet das? fragte ich Juana. Petrarca ist immerhin siebzig Jahre alt geworden. An der Liebe zu Laura ist er definitiv nicht gestorben, aber er vergleicht sie mit des Lorbeers herber Zier: / Wer, sie verkostend, hoffte zu gesunden, / Gesundet nicht, er stirbt an seinen Wunden. Ich fasse hier den Tod als Sinnbild für eine innere Revolution auf, die in Petrarca vorgegangen ist, sagte ich zu Juana. Seine Einbildungen und Eitelkeiten musste er als nichtig erkennen, seine Möglichkeiten, etwas zu kriegen, was er unbedingt haben wollte, als beschränkt oder regelrecht zu schwach erfahren; >der ganze Kerl< ( wie meine Oma immer gesagt hat ) wurde umgewälzt und musste sich neu erfinden, hin zum schon angesprochenen Idealen, Erhabenen, Heiligen oder was auch immer. Einbildungen und Eitelkeiten abzulegen, fundamentale Schwäche zu erfahren in den Augenblicken grandioser Erhebung – das mochte Petrarca wohl zeitweise als Tod empfunden haben, auf den er zusteuere; in Wahrheit war es ein Schmelzofen, aus dem er verwandelt ( soll ich >veredelt< sagen? fragte ich Juana ) hervorgegangen ist. Jedenfalls war er von nun an „für immer verloren für das gewöhnliche Dasein“, zitierte ich Hölderlin, dessen Laura bekanntlich Diotima hieß, sagte ich zu Juana. ( Und wenn er es vielleicht auch nicht immer war seit der Begegnung mit Laura, war er es immer wieder bis zum Ende seiner Tage am 18. oder 19. Juli 1374 – so stelle ich mir das vor, sagte ich zu Juana. ) Wie oft habe ich mich im Laufe vieler Jahre mit einem Buch in der Hand zurückgezogen! Über meine Lektüreeindrücke mich auszutauschen in vertrautem Kreis ( nicht im akademischen Lehrbetrieb ) geschah dagegen selten oder nur in einer Weise, dass ich mich wunderte, wie wenig im Gespräch übrig blieb von der großen Resonanz, die manches Werk in meinem Innern ausgelöst hatte. Jetzt soll es anders sein! sagte ich zu Juana. Sieh zum Beispiel das Sonett Se la mia vita dall´ aspro tormento, von Leo Graf Lanckoronski wunderbar nachgedichtet, so dass ich es hier vollständig zitieren will: Wenn abendlich des Silberhaars Bescheiden / Die hoheitsvolle Stirn mit Milde schmückt; Dein schönes Auge, ferner mir entrückt, / Des Spiegels Wahrspruch müde zu vermeiden / / Erlernte; wenn von Kränzen und Geschmeiden, / Die einst der Jugend muntres Herz entzückt, / Kaum noch ein Traum den stillen Sinn beglückt; / Du leis dich rüstest, von der Welt zu scheiden: // Dann endlich will, Geliebte, ich dir sagen, / Was ich um dich gelitten Jahr um Jahr, / Dann will ich meine Schmerzen zu dir tragen, // Mein ganzes Elend, das so köstlich war. / - Vorbei ist dann die Zeit, zu spät die Stunde, / Und dennoch Balsam – Balsam meiner Wunde. – Ich habe sofort an Juvenal Urbino in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ gedacht; mehr als fünfzig Jahre verehrt er Fermina Daza; „trotz zahlloser Affären und glänzender Karriere als Präsident der Karibischen Flussschifffahrtskompanie“, wie es in der Buchanzeige heißt, kann er Fermina nicht vergessen. Auch der von Laura >zurückgestoßene< Petrarca soll „seine Sinnenglut bei anderen Frauen“ befriedigt haben, wie Maria Gräfin Lanckoronska formuliert. ( Abgesehen davon, dass er auch verheiratet war, zwei Töchter und einen unehelichen Sohn hatte. ) Dort eine fiktive Romanfigur aus dem 20. Jahrhundert, hier eine reale Person aus der Mitte des 14. Jahrhunderts – die Übereinstimmungen scheinen fundamentaler Art zu sein. Das trotz Zurückweisung fast ein ganzes Leben lang aufrecht erhaltene Gefühl muss einen Sinn erfüllen, es kann nicht einfach nur eine schmerzende Wunde sein – die jedermann – auch Petrarca! - zu schließen und zu heilen versuchen würde. Aber du hast Recht, die Antwort steht im Sonett: zwar handelt es sich um ein ganzes Elend, aber es war so köstlich! >Unter dem Strich< hat die Liebe zu Laura Petrarcas Lebensgefühl gesteigert – worauf es ankommt bei jedermann, auch bei Petrarca, aber nur Leute wie er besitzen das Format, dieses >Lebensgefühl< zu entwickeln, zu steigern und für unglaublich lange Zeit ( zunächst 21 Jahre, solange Laura noch lebte, dann noch einmal 26 Jahre, solange Petrarca selbst noch lebte ) wirken zu lassen. Die Liebe sei kein Gefühl, das den Menschen >überkomme< - unabhängig vom Stand seiner persönlichen Reife, lehrt Erich Fromm. Aktivität ist das Zauberwort, und sie beginnt im Kopf, vor jeder äußeren Betätigung, sagte ich zu Juana. Aufhören, gegen sich selbst bequem zu sein! mahnt Nietzsche. Fragen und zweifeln! fordert Hermann Hesse in einem Gedicht usw. Erfüllte Petrarca nicht all diese Lehren, lange bevor sie die genannten Autoren aufschrieben? Unterwarf er sich in den „Sonetten an Madonna Laura“ nicht einer permanenten Selbstreflexion, die Unbequemlichkeit, Fragen und Zweifel zur Grundlage hatten? Das ist die Manier des Forschers wie des Künstlers, der sich >auf die Spur< gesetzt fühlt und dennoch weiß, immer am Anfang zu stehn, sagte ich zu Juana. Petrarca war als Liebender ein Künstler, der Laura und sich selbst berühmt machte, indem er zeigte, wozu die Liebe fähig machen kann – zu welchen Empfindungen, Gedanken und Taten. Er hat Lauras Schönheit >besungen<, dass ich dieses Lob der Schönheit unbedingt mit dir besprechen muss, sagte ich zu Juana, aber er ist nicht dabei stehen geblieben, sondern hat ihr >Herkommen< bedacht, ihr Alter vorweggenommen und ihren Tod vorausgeahnt. Die tote Laura hat sein Gefühl für sie nicht beendet, sondern verwandelt ins Religiöse ... „Laura Noves ( ... ), ‚Gattin eines Herrn de Sade’“, zitierte ich am Anfang leichthin Maria Gräfin von Lanckoronska. Dass Lauras Existenz schon zu Petrarcas Lebzeiten bestritten wurde und diese Zweifel bis heute anhalten, erwähnt sie nicht. Auf der einen Seite steht Petrarcas Entgegnung auf entsprechende Äußerungen seines Zeitgenossen Giacomo Colonna: „Dass ich den schönen Namen Laura erfunden habe, um von ihr sprechen zu können ( ... ) während es in Wirklichkeit keine Laura in meinem Herzen gibt ( ... ) Darin wenigstens wünschte ich, dass Du scherztest! ( ... ) glaube mir: niemand kann ohne große Anstrengung auf lange Zeit etwas vormachen!“ Auf der anderen Seite findet sich beispielsweise Florian Neumanns Bemerkung: „(...) alle Versuche der Nachgeborenen, Laura mit der Tochter des Jean de Sade zu identifizieren oder in ihr die Tochter des Audibert de Noves wiederzuerkennen, die in jungen Jahren Hugues de Sade ehelichte, sind zweifelhaft.“ Hat Laura nicht Realität durch Petrarca gewonnen? fragte ich Juana. Ist es nicht eindeutig, dass ihre reale Existenz nur als Auslöser fungierte, um Petrarcas Inneres aufzuwühlen und >in Gang zu setzen< zu einem der wirkungsmächtigsten lyrischen Werke des Abendlandes? Was bedeutet es da, wer sie >in Wirklichkeit< gewesen ist oder wo und wie lange Petrarca sie gesehen hat? Ist es nicht sogar denkbar, dass nur ein einziger Anblick oder eine einzige Geste alles Weitere in Petrarca auslösten und spätere Begegnungen ihm gleichgültig waren? Immerhin steht noch die Vermutung im Raum, es habe nicht einmal die >Auslöser-Laura< ( Verzeihung wegen dieses unschönen Wortes! ) gegeben. Dann hätte Petrarca >die ganze Geschichte< komplett erfunden, von A bis Z, und mit den Phasen seiner lyrischen Liebesgeschichte nur einen Topos bedient. Davon gehe ich nicht aus, sagte ich zu Juana. ( Aber gesetzt den Fall, bedeutete es eine unvergleichliche Großtat der Phantasie! sagte ich zu Juana ) Irgendeine >Auslöser-Laura< ( oder zwei oder drei davon! ) müssen ihm über den Weg gelaufen sein ( das Leben hat das unweigerlich mit sich gebracht, sagte ich zu Juana ), damit er an- und abheben konnte zu Sonetten und Kanzonen! ( Jetzt muss ich an Shakespeare denken, sagte ich zu Juana, vielmehr an das, was ich über seine Arbeitsweise gelesen habe: Irgendein Passus in irgendeinem langweiligen, verstaubten Historienschinken konnte ihn inspirieren zu „Hamlet“ oder „König Lear“ ... Die Frage nach der >realen Existenz< Lauras erübrigt sich von daher, wiederholte ich vor Juana; selbst wenn es keine >nachweisbare< Laura in Petrarcas Leben gegeben hat, hat es mit Sicherheit eine oder zwei oder drei nicht nachweisbare gegeben! ) Und heute? fragte ich Juana. Kann ein Mann eine Frau heute noch >besingen Vertrüge sich das noch mit unserem nüchternen Zeitalter? Vertrüge es sich vor allem noch mit der Emanzipation der Frau, deren Interessen sich längst auf das Berufsleben und damit die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erstreckt haben? Ist die Frau nicht längst zu einer Partnerin im öffentlichen Leben geworden, als dass sie noch als >Angebetete< taugen würde? ... Die Schönheit ist eine unwiderstehliche Erfindung der Natur, sagte ich zu Juana. Selbst der abgeklärteste und reifste Mensch erliegt noch ihrem Einfluss; wie viel mehr unterwirft sie uns andre ihrer Macht! Die Schönheit >funktioniert< nach einem Grundmuster, das die Natur in endloser Variationsmöglichkeit entwirft. Sie hat das stets Gleiche mit dem Individuellen verbunden, das beim Betrachter den Eindruck des noch nie Gesehenen hervorruft. ( Wie macht sie das? fragte ich Juana. Wie gelingt ihr die überwältigende Fülle des Besonderen im Rahmen der Gattung? ) Die Schönheit ist ein Adel ( königlich im Kreis der schönen Frauen erblickt Petrarca Laura ), eine durch die Geburt verliehene Hervorhebung und Bevorzugung. Sie nutzt sich beim Betrachter nicht leicht ab ( Lauras Antlitz entzückt Petrarca aufs neu ), sondern verleitet zum dauernden Hingucken und –gaffen. ( Die angeguckten und begafften Schönheiten empfinden diese Art von >Hervorhebung< und >Bevorzugung< auch als lästig, sagte ich zu Juana; sie wissen, was passiert, wenn ihnen ein fremder Mann entgegenkommt und wappnen sich mit einem Gemisch aus Abwehr und Desinteresse, tun so, als sei da niemand, der an ihnen vorübergeht. ) Aber woraus besteht das Entzücken des Betrachters? fragte ich Juana. Petrarca weiß sich in Lauras Anblick grenzenlos beglückt, / So unbeschreiblich hold ist sie für ihn zu schauen. Heißt das nicht, dass Lauras Anblick für Petrarca Heimat bedeutet, wenigstens für einen Augenblick oder zwei? Und stell dir vor, sagte ich zu Juana: Diese Heimat ist selbst wieder eine Verheißung – ohne schmerzlichen Drang, voll Vertrauen – zu fernen, himmlisch klaren Auen! Es gibt also eine Dimension, wo es >weitergeht< ohne Gefühl des Ungenügens oder der fiebrigen Spannung, sondern im Gefühl des Angekommenseins und der Beruhigung! Das hat nichts mehr zu tun mit der Erde dumpfem Drang, es bedeutet vielmehr seine Überwindung zu Geistes Höhn. Auch das stellt wieder eine Meisterleistung der großen Baumeisterin dar, sagte ich zu Juana: Dass die Schönheit als >Hebel zur Sinnlichkeit< auf der anderen Seite Heimat und Geist assoziieren lässt! Dankbarkeit empfindet Petrarca, er segnet Laura im Sonett, nennt sie Geliebte, Gute, paradiesisch Reine und folgt ihr – ins Himmelreich, das alles Sehnen endet. Noch am Grabe pflanze der Mensch die Hoffnung auf, dichtete Schiller, aber Lauras Anblick erfüllt für Petrarca die Hoffnung schon im Leben - oder lässt die Ahnung aufblitzen, dass es so sein könnte, sagte ich zu Juana ...
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